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Die Außenpolitik des Reichskanzlers Bismarck (1871-1890)

Die Gründung des Deutschen Reiches hatte eine wesentliche Veränderung der Machtlage in Mitteleuropa mit sich gebracht. Unvermeidlich war damit das Gleichgewicht der Mächte betroffen (siehe das Kapitel Wiener Kongreß). Bismarck wußte, daß es seit Jahrhunderten zu den Grundinteressen Frankreichs gehörte, ein schwaches deutsches Mitteleuropa ohne zentrale Führung zu erhalten. Dies war die entscheidende Voraussetzung für die dominierende Rolle Frankreichs in Kontinentaleuropa. Dazu gehörte für Frankreich die Fähigkeit, seine Interessen als Großmacht militärisch in Mitteleuropa, also in Deutschland, gegen andere Mächte zu verteidigen und sein Staatsgebiet zum Rhein hin zu erweitern. So war das schwache Deutschland seit dem Dreißigjährigen Krieg immer der Kriegsschauplatz gewesen, auf dem die europäischen Mächte ihre Interessenkonflikte ausgetragen hatten. Frankreich hatte von jetzt an nicht mehr die Möglichkeit, nach Belieben Truppen über den Rhein zu schicken. Zum ersten Mal waren nicht französische Truppen in Deutschland, sondern deutsche Truppen in Frankreich einmarschiert und hatten es besiegt. Es war klar, daß das geeinte Deutschland stärker als Frankreich war. Deswegen waren die Deutschen auch so begeistert von der Reichsgründung. Jetzt waren sie nicht mehr der Amboß, auf den die anderen nach Belieben einschlagen konnten. Bismarck wußte, daß Frankreich für immer der Feind des geeinigten Deutschland sein würde. Man hatte den Preußen schon 1866 den Sieg gegen Österreich nicht verziehen, und so würde man den Deutschen den Sieg gegen Frankreich noch viel weniger verzeihen. Nach dem Sieg von 1866 hatte Bismarck schnell wieder möglichst gute Beziehungen zu dem besiegten Österreich angeknüpft. Im Falle Frankreich wußte er, daß das nicht möglich war. Um die Ausgangslage für einen künftigen Konflikt zu verbessern, stimmte er schon früh einer Annexion von Elsaß-Lothringen zu. Er meinte, gegen einen Feind, den man nicht zum aufrichtigen Freund gewinnen könne, müsse man sich sichern. (Siehe Lothar Gall, Bismarck, der weiße Revolutionär, S. 438 ff.)

In der Außenpolitik ging Bismarck etwa von folgenden Voraussetzungen aus:

Frankreich strebte nach einem neuen Krieg gegen Deutschland, um die Einigung Deutschlands rückgängig zu machen und Elsaß-Lothringen wieder zu bekommen. Für einen solchen Revanchekrieg war Frankreich allein zu schwach, es brauchte also einen Bündnispartner. Diesen Bündnispartner durfte Frankreich nicht finden. Also mußte Deutschland zu den anderen Großmächten freundschaftliche, möglichst konfliktfreie Beziehungen haben. Bedingung dafür war, daß Deutschland als stärkste Macht in Mitteleuropa auf keinen Fall nach Vergrößerung seiner Macht strebte. „Deutschland ist saturiert“, ist ein berühmter Satz Bismarcks. Und: „Die Einigung Deutschlands ist das äußerste, was Europa von den Deutschen hinzunehmen bereit ist.“ Bismarck wußte, wie gefährlich der Weg zur Einigung Deutschlands gewesen war, und er war froh, daß es geschafft war, es hätte leicht auch anders kommen können. In einem Krieg der europäischen Großmächte konnte Deutschland also nur verlieren; daß es etwas gewann, würden die anderen auf keinen Fall zulassen. (Diese Einsichten konnte Bismarck allerdings nicht mehr der nächsten Generation, die um 1900 lebte, vermitteln. Für Kaiser Wilhelm II. und seine Zeitgenossen war dieses mächtige Deutsche Reich eine Selbstverständlichkeit, und sie begriffen nicht, daß es immer gefährdet war. Als Bismarck aus dem Ruhestand gegen die neue Weltmachtpolitik Kaiser Wilhelms II. opponierte, galt er nur noch als alter Meckerer.) Um einen Krieg zu verhindern, genügte es aber nicht, daß sich Deutschland friedlich verhielt. Auch ein Krieg unter den anderen Mächten konnte Deutschland gefährlich werden, da Deutschland zu jeder Macht gute Beziehungen behalten wollte. Konfliktpotential gab es zwischen Großbritannien und Rußland, sowie zwischen Rußland und Österreich. Wenn Deutschland im Kriegsfall eine Partei unterstützte, wurde es in einen Krieg verwickelt, in dem es nichts gewinnen konnte, denn am Ende würde es bestenfalls seinen Bestand erhalten. Außerdem würde die andere Partei sich notgedrungen Frankreich zuwenden. Dasselbe konnte geschehen, wenn Deutschland in einem solchen Krieg neutral blieb. Der Verlierer würde sich im Stich gelassen fühlen und sich Frankreich zuwenden. Dann drohte, was Bismarcks  „Alptraum der Bündnisse“ war: zwei Bündnissysteme, die sich feindselig gegenüberstanden, auf der einen Seite Deutschland mit einem Bündnispartner (Rußland oder Österreich), auf der anderen Seite Frankreich mit einem Bündnispartner (Rußland oder Österreich). (So war es dann später vor dem Ersten Weltkrieg.) Auf den verbliebenen einzigen Bündnispartner war Deutschland dann angewiesen, und so konnte dieser auf Deutschland Druck ausüben. (So war es dann 1914, als Deutschland sich gezwungen sah, seinen letzten Verbündeten Österreich zu unterstützen. Noch schlimmer war für Bismarck die Aussicht, auf den Bündnispartner Rußland angewiesen zu sein und damit zur Gefolgschaft gezwungen zu sein, wenn die Großmacht Rußland irgendwo auf Beute ausging.) Jeder Konflikt konnte dann zum Kriege führen, in dem Deutschland nach Bismarcks Überzeugung nichts gewinnen, sondern nur verlieren konnte. Das Problem für Bismarck war, daß seine „Freunde“ alle auf dem Balkan gegensätzliche Interessen hatten und damit zu Gegnern wurden. Bismarck machte deshalb jedem klar, daß er, falls er einen Krieg vom Zaun brach, auch Deutschland, die stärkste Militärmacht in Europa, zum Gegner hätte und daß er deshalb diesen Krieg nicht gewinnen könne. Wenn eine Macht allzu offensiv gegen eine andere vorging und deshalb Krieg drohte, stellte sich Bismarck auf die Seite des Bedrohten und zwang so den Beutegierigen, Ruhe zu geben. Deshalb mußte Bismarck die Bündnismöglichkeiten (die „Optionen“) immer offen halten. Außerdem lief Bismarck gewissermaßen immer mit dem Feuerlöscher herum, um Funken zu löschen, die zum Krieg unter seinen Partnern führen konnten. So wurde Bismarck zum Friedenspolitiker einer ganzen Epoche.

Die gefährlichste Konfliktzone war der Balkan. Das riesige Reich des türkischen Sultans (Hauptstadt Istanbul) umfaßte Libyen, Ägypten, die arabische Halbinsel, das Zweistromland, Palästina, Syrien, Kleinasien. Bis 1815 gehörte auch der ganze Balkan bis zur Flußlinie Save-Donau mit den hier lebenden christlichen Balkanvölkern zum türkischen Reich; Rumänien (nördlich der Donau) war tributpflichtiges Fürstentum. Schon 1830 löste sich nach einem Krieg Griechenland von der Türkei und wurde selbständig. Das ermutigte auch andere christliche Balkanvölker (Serben, Bulgaren u.a.) nach Selbständigkeit zu streben. Die Schwäche der Türkei auf dem Balkan war für Rußland ein Anreiz, seinen Einfluß auf dem Balkan zu vergrößern. Der orthodoxe Zar erklärte sich zum Beschützer der orthodoxen christlichen Balkanvölker. Das Vordringen Rußlands auf dem Balkan war eine Gefahr für die Großmacht Österreich, besonders sah aber Großbritannien seine Weltmacht hier gefährdet. Die Großmacht Rußland hatte den Nachteil, daß ihre Zugänge zu den Meeren (Ostsee und Ostasien) im Winter vereist waren. Der für Rußland günstigste Zugang zu den Weltmeeren war im Besitz der Türkei: die beiden Meerengen Bosporus und Dardanellen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer. Rußland wollte durch die beiden Meerengen ins Mittelmeer fahren können, und es wollte die beiden Meerengen befestigen, um eine Durchfahrt der britischen Flotte ins Schwarze Meer unmöglich zu machen. Diese Durchfahrt war für Großbritannien die einzige Möglichkeit, im Konfliktfall Rußland militärisch zu bedrohen. (Im Krimkrieg hatte 1855 Großbritannien auf diesem Wege Truppen auf der Krim gelandet und Rußland eine Niederlage beigebracht.)

Im Jahre 1877 machten die Serben einen Aufstand gegen die türkische Herrschaft. Rußland benutzte diese Gelegenheit zu einem Krieg gegen die Türkei. Die Türkei wurde besiegt und im Friedensschluß verlor die Türkei fast ihr gesamtes europäisches Gebiet. Rußland übertrug den größten Teil dieses Gebiet dem Fürstentum Bulgarien, das unter russischem Einfluß stand. Damit vergrößerte aber Rußland seine Macht zu stark; seine Gegner Österreich und Großbritannien sahen sich gezwungen, mit Krieg zu drohen. Britische Kriegsschiffe fuhren durch die Dardanellen ins Marmarameer hinein. Dieser Kriegsdrohung konnte Rußland nicht standhalten und mußte also einem gesamteuropäischen Kongreß zustimmen. Es war klar, daß Rußland auf diesem Kongreß etwas von seiner Beute würde abgeben müssen. (Einen solchen europäischen Kongreß hatte Bismarck nach den Siegen von 1866 und 1870 vermeiden können.) Auch Bismarck suchte den drohenden Krieg aus den dargelegten Gründen zu vermeiden. So kam es 1878 zum Berliner Kongreß. Auf diesem Kongreß war Bismarck die wichtigste Person, einfach deshalb, weil er nur den drohenden Krieg vermeiden wollte und keine eigenen Interessen auf dem Balkan hatte. (Bismarck: „Ich sehe auf dem Balkan für Deutschland kein Interesse, welches auch nur die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert wäre.“)

Am 19. Februar 1878 legte Bismarck in einer Reichstagsrede dar, wie er sich Deutschlands Rolle auf dem Kongreß vorstellte. Bismarck lehnte es ab, daß Deutschland seine Politik vorher festlegte und sie den anderen aufdrängte, wie es in der Öffentlichkeit verlangt wurde. Damit hätte Deutschland seine Macht demonstriert und die beteiligten Mächte verärgert. Bismarck sagte: „Die Vermittlung des Friedens denke ich mir nicht so, daß wir nun bei divergierenden Ansichten den Schiedsrichter spielen und sagen: So soll es sein, und dahinter steht die Macht des Deutschen Reiches, sondern ich denke sie mir bescheidener, ja mehr die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zustande bringen will.“ Bismarck erklärte auch sehr anschaulich die Rolle eines Maklers, die er zu spielen gedachte: „Wir sind in der Lage, einer Macht, die geheime Wünsche hat, die Verlegenheit zu ersparen, bei ihrem Kongreßgegner sich entweder eine  Korb oder eine unangenehme Antwort zu holen. Wenn wir mit beiden gleich befreundet sind, können wir zuvor sondieren und dem anderen sagen: Tue das nicht, versuche es so und so anzubringen. ... Wenn man zu zweien ist, fällt der Faden öfter, und aus falscher Scham nimmt man ihn nicht wieder auf. Der Moment, wo man den Faden wieder aufnehmen könnte, vergeht, und man trennt sich in Schweigen und ist verstimmt. Ist aber ein Dritter da, so kann dieser ohne weiteres den Faden wieder aufnehmen. ... Das ist die Rolle, die ich mir denke.“  Die Rolle des Maklers besteht also vor allem darin, alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufriedenzustellen. Damit hatte Bismarck dargelegt, wie er sich überhaupt Deutschlands Rolle in Europa vorstellte, nicht als Hegemonialmacht, sondern als am Frieden interessierter Makler. (Ein solcher Makler hat 1914 bei der Krise zwischen Österreich und Serbien gefehlt.)

Das Ergebnis des Berliner Kongresses zeigt jedoch, daß auch Bismarck sein Ideal nicht vollständig erreichen konnte. Bismarck konnte nicht jede beteiligte Macht zufriedenstellen, zaubern konnte er halt auch nicht. Rußland mußte einen großen Teil seiner Beute wieder herausgeben. Die Türkei erhielt einen großen Teil ihres europäischen Gebietes zurück. Die Sieger des Kongresses waren Großbritannien und Österreich, Verlierer war Rußland und in gewisser Weise auch Deutschland, weil Rußland Bismarck vorwarf, er habe es zu wenig unterstützt. Zar Alexander II. schrieb deswegen am 15. August 1879 seinem Onkel, Kaiser Wilhelm I., einen Beschwerdebrief, der als „Ohrfeigenbrief“ in die Geschichte eingegangen  ist. Der Zar verwies auf die alten guten Beziehungen zwischen Rußland und Preußen und auf die guten Dienste, die Rußland bei der Einigung Deutschlands geleistet hatte. Er beschwerte sich darüber, daß deutsche Diplomaten bei den internationalen Konferenzen nach dem Berliner Kongreß Rußland zu wenig unterstützten. Zar Alexander wies auf die möglichen „traurigen Folgen“ dieser Politik hin und äußerte seine „Befürchtungen“ über die „unheilvollen Folgen für unsere beiden Länder“. Als redlicher Mann war Kaiser Wilhelm betroffen von dem, wie er meinte, berechtigten Vorwurf der Undankbarkeit, und er neigte dazu, den russischen Wünschen zu entsprechen. Bismarck war aber ganz und gar dagegen. Bismarck argumentierte so: Die beiden Hinweise auf die „Folgen“ der deutschen Politik seien „unverhüllte Drohungen“ im diplomatische Gewande. Eine Freundschaft bestehe nicht mehr,  wenn einer der beiden Freunde auf seine Verdienste hinweise und dann „unter Kriegsdrohung Lehnsfolge von uns fordert“. Auch Rußland habe große Vorteile von den guten Beziehungen zu Preußen gehabt. Vor allem dürfe in Rußland nicht der Eindruck entstehen, daß man Deutschland nur zu drohen brauche und schon leiste es Gefolgschaft. „Das würde die deutsche Politik für immer der russischen unterordnen.“ Ein wichtiger Satz Bismarcks, den man auch heute beherzigen sollte, lautet: „Rußland durch Nachgiebigkeit gewinnen zu wollen, halte ich für vergeblich.“ (Bismarck am 24. August 1879 an Kaiser Wilhelm II.) Eine Annäherung an Rußland, so Bismarck, „würde uns nur Österreich entfremden und uns dann mit Rußlands Liebe allein lassen. Unsere volle Isolierung unter Mißtrauen aller wäre dann in Rußlands Belieben gestellt. Das können wir nicht wagen.“ (Bismarck am 1. September 1879 an Staatssekretär von Bülow)   Bismarck schlug dem Kaiser vor, auf die Forderungen Rußlands jetzt erst recht nicht einzugehen und statt dessen die Beziehungen zu Österreich zu vertiefen.

Es gab wieder heftigen Streit zwischen Bismarck und Wilhelm. Bismarck setzte sich durch, indem er wieder mit Rücktritt drohte. Noch 1879 wurde der Zweibund zwischen Deutschland und Österreich abgeschlossen. Der Inhalt war geheim und diente der Erhaltung des Friedens: Wenn einer der beiden Vertragspartner angegriffen wurde (also Deutschland von Frankreich oder Rußland bzw. Österreich von Rußland), dann mußte der andere dem Angegriffenen helfen. Der Angriff durfte aber nicht provoziert werden, d.h. Österreich durfte nicht allzu forsch seine Macht auf dem Balkan gegen Rußlands Interessen ausbauen. Für eine solche Politik gab es keine deutsche Hilfe. Dazu gibt es den berühmten Satz Bismarcks: „Wir lassen uns von Österreich nicht das Leitseil um den Hals werfen.“ Also Österreich konnte nicht sich in Balkanabenteuer stürzen und im Kriegsfall den deutschen Esel am Strick hinterherziehen. (So war es dann in der „Julikrise“ 1914 vor dem Ersten Weltkrieg, als Deutschland daran interessiert sein mußte, daß sein letzter Verbündeter Österreich als Großmacht bestehen blieb; so war Deutschland von Österreich abhängig geworden.) Bismarck hielt sich immer noch die Möglichkeit offen, sich trotz der breiten antirussischen Grundstimmung in der deutschen Öffentlichkeit auch mit Rußland zu verständigen.

Diese Situation trat ein, als es zu einer neuen Balkankrise kam. Es ging um den russischen Einfluß auf Bulgarien. Dem setzten Großbritannien und Österreich starken Widerstand entgegen. Rußland wandte sich an Deutschland um Hilfe. Das führte 1887 zum geheimen „Rückversicherungsvertrag“ zwischen Deutschland und Rußland. Die Vertragspartner versprachen sich im Kriegsfall gegenseitig Hilfe, aber nicht für den Fall eines Angriffs Rußlands auf Österreich oder Deutschlands auf Frankreich. Um die guten Beziehungen zu Rußland aufrechtzuerhalten, mußte Bismarck aber ein schwerwiegendes Zugeständnis machen: Für den Fall, daß Rußland versuchte, die beiden Meerengen in seine Hand zu bekommen, mußte Deutschland wohlwollende Neutralität versprechen. Das widersprach Bismarcks sonstiger Politik, offensive Pläne nicht zu unterstützen. Der Geheimvertrag war auf drei Jahre befristet. Bismarck trieb dabei ein doppeltes Spiel: Um den Zugriff Rußlands auf die Meerengen unmöglich zu machen, förderte er diplomatisch die „Mittelmeerentente“, ein Bündnis zwischen Großbritannien, Österreich und Italien. Der Inhalt war, auf dem Balkan und im Mittelmeer die bestehende Lage zu erhalten und Rußland einzudämmen. Der Tag X, an dem Rußland auf die Meerengen zugriff, durfte also nicht eintreten. Dann hätte Bismarck sein Versprechen, jeder der beiden streitenden Parteien beizustehen, nicht einhalten können, er hätte Farbe bekennen müssen. Seine Politik wäre zusammengebrochen. Den außenpolitischen Grundsatz, keinen Beutevertrag einzugehen, konnte Bismarck im Rückversicherungsvertrag wegen der russischen Forderungen nicht mehr einhalten. Seine Außenpolitik war schwieriger geworden. Der Rückversicherungsvertrag war für ihn nur eine Aushilfe in der aktuellen Balkankrise. Er war auf drei Jahre befristet. Ob er nach drei Jahren verlängert wurde, mit diesem oder einem anderen Inhalt, blieb offen. Da Bismarck 1890 zurücktrat, war das nicht mehr seine Entscheidung. Der russische Wunsch nach Verlängerung wurde von seinem Nachfolger abgelehnt. Bald darauf näherte sich Rußland Frankreich an.

Bismarck lehnte es ab, Weltmachtpolitik zu treiben. Er legte nur einige Kolonien in Afrika an, wobei er darauf achtete, Großbritannien nicht zu verärgern. Der kommenden Ausdehnung des europäischen Staatensystems auf ein Weltstaatensystem stand er fremd gegenüber. Zwischen den rivalisierenden Weltmächten Großbritannien und Rußland taten sich neue Konfliktzonen auf: In Mittelasien drang Rußland immer weiter nach Süden vor und bedrohte dadurch das britische Indien. Im Fernen Osten vergrößerte Rußland seinen Einfluß zum Pazifischen Ozean hin gegen das schwache China; dem widersetzte sich Großbritannien zusammen mit Japan. Wenn wegen dieser Konflikte ein Krieg zwischen Großbritannien und Rußland drohte, wie sollte Deutschland diesen Krieg verhindern, ohne selbst Weltmacht zu sein? Wenn Deutschland in diesem Krieg neutral blieb, konnte es nicht seine guten Beziehungen zu Rußland erhalten, und es drohte die russisch-französische Annäherung. Und wenn Deutschland Rußland half, war es Juniorpartner Rußlands und mußte für dessen Weltmachtinteressen kämpfen. Und was machte dann Österreich? Das waren offene Fragen. Bismarck hat 28 Jahre die preußisch-deutsche Außenpolitik gelenkt und sich dabei immer maßvolle Ziele gesetzt. Er konnte nicht den Weltfrieden für die Ewigkeit sichern. (Manche Ideologen behaupten, dies zu können.) Er konnte nur für seine Zeit und die voraussehbare Zukunft Politik machen. Nach ihm mußten auf neue Fragen neue Antworten gefunden werden. Man mußte aber kein genialer Staatsmann wie Bismarck sein, um die Fehler zu vermeiden, die Deutschland in die unheilvolle Situation brachten, in der es beim Kriegsausbruch 1914 war.

    

 

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