nationalsozialismus


                            Der Nationalsozialismus

1. Der Nationalsozialismus war antiliberal.

2. Die Schaffung des "neuen Menschen"

3. Der nationalsozialistische "Sozialstaat"

4. Rolle des Antisemitismus

5. Die Eroberung Europas

6. Nationalsozialismus und Kommunismus

 

(Auch hier beschränke ich mich auf Dinge, die in den Schulbüchern gar nicht oder kaum erwähnt werden.)

 

In der Zeit der Weimarer Republik sagte einmal ein prominenter Nationalsozialist: „Der Nationalsozialismus ist das Gegenteil von dem, was ist.“

 

1. Der Nationalsozialismus war antiliberal.

 

Der Nationalsozialismus war, wie jeder Sozalismus, gegen alle Prinzipien, die zum Liberalismus gehören: gegen persönliche Freiheit, gegen vorstaatliche, natürliche und unveräußerliche Grundrechte, gegen Gewaltenteilung, gegen ein Mehrparteiensystem, gegen freie Vereine und Verbände, gegen eine freie Wirtschaft. Wie jeder Sozialismus war auch der Nationalsozialismus inhuman, weil er sich gegen den persönlich verantwortlichen Einzelmenschen richtete, und antichristlich, weil er durch Ausgrenzung von Teilen der Bevölkerung gegen ein christlich geprägtes Gewissen und gegen christliche Nächstenliebe war.

 

Am 8. Mai 1933, kurz nach der „Machtergreifung“, sagte Propagandaminister Joseph Goebbels in einer Rede: „Das System, das vor dem revolutionären Aufmarsch dieser Bewegung zusammenbrach, beruhte auf dem Gedankenpfeiler des Individuums. Unter ihm sah man alles. Denn der Einzelmensch entschied. Die Wirtschaft hatte nicht den Zweck, daß sie dem Volke diente, sondern daß der Einzelne an ihr gewann. Auch der Parlamentarismus war die politische Ausgeburt dieses schrankenlosen Individualismus`. ... Das Wesentliche dieser revolutionären Entwicklung ist, daß der Individualismus zerschlagen wird und an die Stelle des Einzelmenschen und seiner Vergottung das Volk tritt. Das Volk steht im Zentrum der Dinge. Die Revolution erobert das Volk und das öffentliche Leben, drückt der Kultur, der Wirtschaft, der Politik und dem privaten Dasein seinen Stempel auf.“   

Wie jeder Sozialismus war auch der Nationalsozialismus totalitär: Es gibt keine Grenze zwischen privaten und öffentlichen Dingen, alle Bereiche des Lebens werden „total“ erfaßt, der Einzelmensch wird völlig der „Volksgemeinschaft“ (bei Marxisten der „Gesellschaft“) unterstellt.

 

(Man beachte bei den Goebbels-Sätzen die drastischen Wörter: „Aufmarsch“, „zerschlagen“, „erobern“, Stempel aufdrücken“. Die Sprache verrät das Denken. Das erinnert an den Satz, den vor einigen Jahren Olaf Scholz, der Bundesgeschäftführer der SPD, sagte: „Die SPD will die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern.“ Oder an das Interview, das Peter von Oertzen, damals SPD-Kultusminister von Niedersachsen, 1970 einer Schülerzeitung gab: „Man kann nun einmal nicht eine ganze Lehrergeneration ausrotten und durch neue ersetzen. Aber ehe wir nicht in jedem Lehrerkollegium einen Stoßtrupp von mindestens fünf bis zehn wirklich politisch bewußten jungen Lehrern haben, die systematisch arbeiten, wird sich nicht viel ändern. ... Wenn wirklich einmal sechs junge Kollegen in einer Konferenz den Aufstand proben und einen tüchtigen Skandal produzieren, dann bricht der Widerstand der Mehrheit zusammen.“ [Zitiert nach FAZ vom 22. Juni 1970])

 

2. Schaffung eines „neuen Menschen“

 

Wie alle Sozialisten wollten auch die Nationalsozialisten einen „neuen Menschen formen“. Um das zu erreichen, darf man dem Menschen keine Freiheit lassen, weil er in seinem veralteten falschen Bewußtsein ja alles „falsch“ macht. Dazu muß man alle Lebensrisiken (die persönliche Verantwortung) dem Einzelmenschen nehmen und auf die „Volksgemeinschaft“ (marxistisch auf die „Gesellschaft“) übertragen, ihn in ständiger scheinbarer Sicherheit wiegen, ihn versorgen und „betreuen“.

Dazu ein Auszug aus dem Reutlinger „Generalanzeiger“ vom 26. März 1938:                         „Wenn wir den Versuch machen, den Erscheinungen nachzugehen, die einen neuen deutschen Menschen im neuen deutschen Reich formten, so werden wir in jedem Falle auf einen Mittelpunkt aller Überlegungen stoßen, den Grundsatz des Nationalsozialismus: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Wohin wir auch blicken, in die Wirtschaft, in das soziale Leben, in die Gemeinden und in die Familien, wir finden für jeden Volksgenossen die Richtschnur seines Handelns in dem Begriff Gemeinschaft. Der deutsche Mensch der Gegenwart wird bewußt vom ersten bis zum letzten Lebenstage in den Kreis einer Gemeinschaft gestellt, der er zu dienen hat und die dafür den Schutz und die Fürsorge für seine Person übernimmt. Und immer umschließt wieder eine größere Gemeinschaft wie ein schützender Ring die kleinere, bis sie alle miteinander von der großen Volksgemeinschaft umfaßt werden. Dabei stellt sich heraus, daß, je fester der neue deutsche Mensch in den ihn umgebenden Gemeinschaften verwurzelt ist, desto größer die Leistung der Gemeinschaft wieder für ihn selber ist.“

 

3. Der nationalsozialistische „Sozialstaat“

 

In einer Publikation über „das Wohlfahrtswesen des nationalsozialistischen Staates“ heißt es: „Die Betreuung des Menschen in der Wohlfahrtspflege beginnt bereits bei der Mutter, und sie setzt sich fort beim Säugling, über die Wochenfürsorge und über die Krabbelkrippe, den Kindergarten und den Kinderhort, sie sorgt für Jugendheime, für Lesestuben, Übungsstätten für Sport und Leibesübungen jeder Art, hilft bei den Maßnahmen für das Landjahr und setzt ihre Arbeiten fort in den Lehrlingsheimen, bei den unterstützenden Maßnahmen in der Berufsausbildung, bei der Familienbildung, der Familienstützung und endet schließlich in  der nie erlahmenden Sorge für die Rentner bis zu deren Tod.“      

 

Sebastian Haffner schrieb in seinem Buch „Anmerkungen zu Hitler“ (1977): „Worin sich das Leben der riesigen Mehrheit von Deutschen, die keine rassisch oder politisch Ausgeschlossenen und Verfolgten waren, im Dritten Reich von dem Leben im vorhitlerschen Deutschland und auch von dem in der Bundesrepublik unterschied, worin es aber dem Leben in der DDR gleicht wie ein Ei dem anderen, das war, daß es sich zum allergrößten Teil in außerfamiliären Gemeinschaften oder Kollektiven abspielte, an denen für die meisten, ob die Mitgliedschaft nun offizieller Zwang war oder nicht, praktisch kein Vorbeikommen war. Das Schulkind gehörte zum Jungvolk wie heute in der DDR zu den Jungen Pionieren, der Heranwachsende fand sein zweites Zuhause in der Hitlerjugend wie in der Freien Deutschen Jugend, der Mann im rüstigen Alter trieb Wehrsport in der SA oder SS wie in der Gesellschaft für Sport und Technik, die Frau betätigte sich in der Deutschen Frauenschaft (dem Demokratischen Frauenbund), und wer es zu etwas gebracht hatte oder bringen wollte, gehörte in die Partei, damals im Dritten Reich wie heute in der DDR; von den hunderterlei nationalsozialistischen beziehungsweise sozialistischen Berufs-, Hobby-, Sport-, Bildungs- und Freizeitvereinigungen (Kraft durch Freude! Schönheit der Arbeit!) nicht zu reden. Selbstverständlich, die Lieder, die gesungen wurden, und die Reden, die gehalten wurden, waren damals im Dritten Reich andere als heute in der DDR. Aber die Beschäftigungen – das Wandern, Marschieren und Kampieren, das Singen und Feiern, das Basteln, Turnen und Schießen – waren nicht zu unterscheiden, ebensowenig die unleugbaren Glücksgefühle, die in solchen Gemeinschaften gedeihen. Hitler war darin unzweifelhaft Sozialist - ein sehr leistungsstarker Sozialist sogar - , daß er die Menschen zu diesem Glück zwang.“ (S. 52 f.)   

 

Der nationalsozialistische Staat sprang seinen Volksgenossen bei jedem Problem mit Rat und Hilfe zur Seite. Beispiele: Die Jungen der HJ halfen alten Leuten beim Einkaufen und schleppten Kohlen; die Mädchen des BDM halfen kinderreichen, abgearbeiteten Bauersfrauen, die nie einen Tag frei gehabt hatten, im Haushalt, so daß sie sich endlich etwas erholen oder eine Krankheit kurieren konnten. Für die Winzer, die ewig Absatzprobleme hatten, gab es im Herbst in den Städten Straßenfeste, das Viertel Wein für ein paar Pfennige, so daß die Fässer endlich leer wurden für die neue Ernte. Der Staat oder die Partei halfen jedem in jeder Lebenslage, aber nur den Volksgenossen, nicht den „Faulpelzen“, den „Asozialen“, den Kriminellen, den „Volksschädlingen“, den Juden. Das konnte eben nur eine Diktatur. (Ein liberaler Rechtsstaat muß solche Hilfeleistungen immer in Gesetzesform gießen und für jeden gelten lassen. Das wird dann von vielen mißbraucht und ausgenützt, für die die Sache gar nicht gedacht ist.) Die meisten Deutschen fanden das damals großartig. „Das verdanken wir alles dem Führer.“ Sie übersahen, daß sie vom „Führer“ abhängig wurden, daß sie sich nicht mehr gegen ihn wehren konnten, daß sie ihm Dank schuldeten, daß  sie zu einer braven Herde wurden. So wurden sie im dichten sozialen Netz gefangen. Es dauerte nicht lange, bis Hitler Gegenleistungen verlangte und die „Opferbereitschaft“ der Deutschen stark beanspruchte. Eine brave Herde wird eben irgendwann zur Arbeitsbank oder gar zur Schlachtbank geführt.

 

4. Rolle des Antisemitismus

 

Aus: Eva G. Reichmann: Flucht in den Hass, Frankfurt 1956, S. 239 ff.:

Die Judenkatastrophe ist nicht eine geradlinige Folgeerscheinung des deutschen Antisemitismus. In der nationalsozialistischen Entscheidung der Wählermassen besaß der Antisemitismus keine entscheidende Bedeutung. Die Massen verlangten nicht den Antisemitismus, sondern sie wollten hassen. Sie verlangten nicht die Rassenlehre, sondern sie wollten sich überlegen fühlen; sie verlangten nicht die Dolchstoßlegende, sondern sie wollten sich schuldlos fühlen an dem verlorenen Krieg; sie verlangten nicht das Führerprinzip, sondern sie wollten wieder gehorchen, statt selbst zu entscheiden.

Welchen Massentrieben versuchte die nationalsozialistische Propaganda Befriedigung zu verschaffen:

1. Verlangen nach Arbeit und Brot. Hitler konnte sie ihnen nicht sofort geben. Aber er sprach die Müden, Verzweifelten, Gedemütigten los von allen inneren Beschwernissen ihrer Seelen. Er führte sie in das Paradies der Unverantwortlichkeit und des Kinderglaubens. Er schaltete das Gewissen überhaupt aus.

2. Für die Denk- und Verantwortungsmüdigkeit der Massen lieferte Hitler einen anziehenden Denk-Ersatz: das nationalsozialistische Dogma (Jetzt werden die Menschen ein für alle Mal von der Last der geistigen Stellungnahme erlöst!).

Um dem Wiederaufkommen des kritischen Verstandes vorzubeugen, umgibt Hitler seine Lehre mit allerlei Attributen, die er von der verhassten, aber insgeheim auch bewunderten katholischen Kirche gelernt hat. Er schuf eine Pseudoreligion, in der er selbst als Christus posierte.  ...

Aber neben den Festen gibt es noch den Alltag mit seinen Sorgen, er könnte das Denken wieder anregen, warum die Heilsversprechungen sich nicht erfüllten. Daher braucht man ein wirksames Gegensymbol: einen Teufel. Dieses Gegensymbol war der Jude. ...

Die antichristliche Haltung des Nationalsozialismus gewinnt hier Bedeutung: Antisemitismus ist hier in Wirklichkeit Hass gegen das Christentum. Da man aber noch nicht wagte, gegen eine so geheiligte Tradition wie die christliche Religion offen vorzugehen, gab man vor, den Juden anzugreifen, in dem man aber in Wirklichkeit die Vaterreligion des Christentums zu treffen beabsichtigte. ... ( So weit Eva G. Reichmann)

 

 

5. Die Eroberung Europas

 

Eckart Spoo schrieb in der Frankfurter Rundschau vom10. März 1987:

Im Dezember 1942 traf Heinrich Himmler ... die „allgemeine Anordnung Nummer 20 über die Gestaltung der Landschaft in den eingegliederten Ostgebieten“. Es genüge nicht, hieß es da, „unser Volkstum in diesen Gebieten anzusiedeln und fremdes Volkstum auszuschalten. Diese Räume müssen vielmehr ein unserer Wesensart entsprechendes Gepräge erhalten, damit der germanisch-deutsche Mensch sich heimisch fühlt, dort sesshaft wird und bereit ist, diese seine neue Heimat zu lieben und zu verteidigen.“ ...

Voraussetzung für die geplante „Eindeutschung“ der Landschaft war die Verdrängung der gesamten jüdischen und eines großen Teils der übrigen polnischen Bevölkerung. Mehrere Millionen Menschen sollten weichen. ... Neben hunderttausenden neuen Bauernhöfen waren auch tausende „Wehrbauernhöfe“ als „größere Besitzform für das wehrpolitische Führertum“ vorgesehen. In zahlreichen Wettbewerben brachten Landschaftsplaner und Architekten zu Papier, welche Flächen aufzuforsten seien, wo neuen Großstädte entstehen sollten und wie ein echtes deutsches Dorf auszusehen habe. Für die verschiedenen Landschaftsformen entwarfen sie jeweils besondere Bauernhaus-Typen, beispielsweise einen Schwarzwaldhaus-Verschnitt für die Gebirgsgegend im Norden der Karpaten. Professor Heinrich Wiepking-Jürgensmann, von Himmler als Sonderbeauftragter für Landschaftsgestaltung berufen, jubelte, für den deutschen Landschaftsgestalter werde „eine Blütezeit einsetzen, die alles das übersteigt, was selbst die heißesten Herzen unter uns erträumten.“

Zum Zweck artgemäßer Gestaltung der Landschaft wurde das bisher polnische Territorium in eine „Ergänzungs-“, eine „Umbau-“ und eine „Neubauzone“ eingeteilt; die „Neubauzone“, auch als „Zone verfallener oder von jeher niederer Kultur“ bezeichnet, umfasste die ehemals russischen  Gebiete Polens.

In einer „Landschaftsfibel“ lehrte Wiepking-Jürgensmann, daß sich die „Landschaften der Deutschen in allen ihren Wesensarten von denen der Polen und Russen unterscheiden – wie die Völker selbst. Die Morde und Grausamkeiten sind messerscharf eingefurcht in die Fratzen ihrer Herkommenslandschaften.“ So lag es denn im Interesse der Landschaft, daß sie „eingedeutscht“ und daß fremdes Volkstum „ausgeschaltet“ wurde. Den deutschen Bauern, die im Osten angesiedelt wurden, wollte Wiepking-Jürgensmann „die Heimatlandschaften, aus denen sie gekommen sind, mit auf den Weg geben, ohne welche sie sonst in wenigen Jahren versandet, verostet sein würden.“ Zur neudeutschen Landschaft, wie er sie sich vorstellte, gehörten auch „bodenständige Pflanzen“, womit der Sonderbeauftragte für Landschaftsgestaltung gerade nicht die ortsansässigen meinte, sondern die mitzubringenden. Als „bodenständig“ definierte er „eine Pflanze in einem deutschen Garten oder in einer deutschen Landschaft, die den deutschen Menschen seit alters her nahesteht, die ihm vertraut ist, mit der er lebt und die Eingang gefunden hat in das deutsche Gefühlsleben, so in das Lied, in die Dichtung, in die gute deutsche Malerei.“  (So weit Eckart Spoo)

 

In  einer Rede vom 21. Juli 1942 stellte Reichsminister Frank die Eroberung Europas durch Deutschland als den endgültigen europäischen Frieden dar:

Europa steht vor der Neuordnung, vor der endgültigen Formung der Beziehungen der Völker Europas. Ganz selbstverständlich ist die Grundlage dafür jenes monumentale Programm, das der Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, und der Duce Italiens, Benito Mussolini, im September vorigen Jahres verkündet haben, - jenes Programm, welches vorsieht, daß sich in gegenseitiger aufgeschlossener Kameradschaft die Völker Europas zu einer Art Gemein- schaftsvertretung ihrer Interessenvertretung zusammenfinden, daß eine Art nützlichen Interessenausgleichs zwischen den Belangen, den Kräften und den Bedürfnissen der einzelnen Völker Europas stattfindet, daß damit dann aber auch dieser Kontinent für alle Zukunft aufgehört haben wird, seinen Völkern das schwere Los aufzuerlegen, stets abhängig zu sein von der Willkürherrschaft der angelsächsischen Weltmächte, die Ozeane nach Belieben sperren können, - daß an die Stelle dieser Abhängigkeit endlich wieder die freie und autarke Entwicklung Europas treten wird.

Nicht um zu entnationalisieren, nicht um zu terrorisieren, nicht um mit Gewalt irgendein Regime, das wir allen anderen vorziehen, anderen Völkern aufzuoktroyieren, wird diese europäische Neuordnung aufgebaut, sondern nur zu dem Zweck, die brennendste Lebensnot von den europäischen Völkern durch gemeinschaftlich geplante Arbeitsteilung zu nehmen. ...

Das deutsche Volk steht vor der Erringung des größten territorialen, staatlichen und völkischen Raumes, den es je in seiner Geschichte besaß. ...

Der Begriff des Völkerrechts mangelte immer seiner letzten konstruktiven Vollendung, fehlte es doch stets an jenem Organ, das imstande gewesen wäre, mit der Autorität einer echten Exekutive, Rechtssprüche mit Urteilskraft Staaten gegenüber zu vollstrecken. Wenn nun aber zwei Mächte, von denen die eine, Großdeutschland, von dem Nationalsozialismus Adolf Hitlers, die andere, das Italien Mussolinis, vom Faschismus geschaffen worden ist, entschlossen sind, die Führung über den gerechten friedlichen Ausgleich Europas zu gewährleisten, dann wird es sicher möglich sein, daß alle fried- und rechtliebenden Völker Europas den Schutz dieser beiden Mächte finden. Damit ist zum ersten Mal in der geschichtlichen Entwicklung Europas eine zentrale Potenz entstanden, die den bisherigen Mangel völkerrechtlicher Konstruktion beseitigt. Die Autorität unseres Reiches wird es in Zukunft nicht gestatten, daß auf diesem Kontinent Kriege ausbrechen, die diesem Kontinent schaden könnten. ...

Dieser europäische Kontinent, seit Jahrhunderten aufgewühlt und zum Blutrausch entfacht durch sinnloses Raufen um sinnlose Grenzen, wird endlich zur Ruhe kommen. Welch` ein Segen daraus für die Völker Europas entsteht, ist zunächst gar nicht abzusehen, ganz abgesehen davon, daß alle Völker Europas eingeladen sind, an diesem großen Betreuungswerk der im Osten erstehenden neuen Ländergebilde wirtschaftspolitisch, siedlungsmäßig und national mitzuarbeiten, - eine Aufgabe von einer Größe, wie sie Europa noch nie gestellt war, mit der verglichen etwa die Betreuung der hinterindischen Inseln durch Holland ein Kinderspiel war. ...

Freiwillig sollen alle dazu aufgerufen sein, keinerlei Zwang soll Europa mehr bedrücken. Man soll vor dem Großdeutschland Adolf Hitlers keine Sorge haben, man braucht uns nicht zu fürchten, als hätten wir etwa tyrannische Gelüste, nein: Das großdeutsche Reich Adolf Hitlers will Europas Kultur in jeder Weise fördern und die europäischen Völker kameradschaftlich betreuen. ...

Die Arbeitskraft unseres Volkes hat ihren herrlichen Ausdruck in der Neugestaltung des Begriffs des Arbeiters schlechthin gefunden, der nunmehr nicht etwa als Prolet verurteilt ist, seine dunklen Wege zu gehen, der sich nicht mehr in klassenkämpferischen Irrwahn zu bewegen suchen muß, sondern der als Arbeiter der Stirn und Faust in vollwertiges, gleichgeachtetes Glied der völkischen Gemeinschaft wurde.

(So weit die Rede von Minister Frank im Jahre 1942)

 

Joachim Fest schreibt in seinem Buch „Der zerstörte Traum“ (Berlin 1991) S. 42 f.:

Der Nationalsozialismus war erfüllt von gegenutopischem Radikalismus, und seinem Macht- und Eroberungshunger lag im Kern nichts weniger als die Absicht zugrunde, die gesamte Welttendenz umzukehren. ... Die Bewegung verdankte Anstoß und Sammlung auch einer umfassenden Orientierungskrise mit dem massenhaft hervorbrechenden Verlangen nach Veränderung von der Wurzel her. Und in der Ferne, abgehoben von der deprimierenden Wirklichkeit, tauchte das wie undeutlich auch immer entworfene, in verklärende Nebel gehüllte Gegenbild der gereinigten Welt auf, die Vorstellung vom Neuen Menschen sowie ein trotz aller Lücken und Ungereimtheiten weithin geschlossenes System zur Verwirklichung der idealen Ordnung. ... 

(S. 50 ff.)  Die Wortführer des Nationalsozialismus gaben vor, die durch das Christentum, die Aufklärung, den Industrialisierungs- und Emanzipationsprozeß pervertierte Weltordnung wiederherzustellen. Daher die Rückkehr ins Bäurische und Erdhafte, die Beschwörung von Blut und Boden mitsamt den urtümlichen Riten, die sich daran knüpften, das ganze Marottenwesen von Fahnenweihe, Thingspiel und Todesmystik, kurzum, die Sehnsucht ins Vorkulturelle, mit der die Sache aus aller Zeit herausfiel. Nebenher aber lief, sich immer wieder damit überschneidend, ein zukunftgerichteter Ehrgeiz, der sich auf die größten Schiffe, die schnellsten Flugzeuge oder die Motorisierung der Massen viel zugute hielt und sich gern auf den technischen Vorsprung der eigenen Nation vor allen anderen berief. ...

Das Regime schonte, wo es die Verwirklichung der utopischen Ziele gebot, weder das historisch Gewordene noch fremdes Recht oder fremdes Leben und schreckte selbst vor dem millionenfachen Mord nicht zurück. In gewaltigen Abräumaktionen schuf es gleichsam leere Flächen, auf denen es dann seine gesegneten bäuerlichen Idyllen errichten wollte. ...

Der „Große Germanenzug nach Osten“, zu dem Hitler im Juni 1941 aufbrach, bringt dieses Paradox, das zum Wesen des Nationalsozialismus gehört, schlagend zum Ausdruck. ... Die gewaltigste Militärmacht der Geschichte, Panzerarmeen und Luftflotten, brachen gleichsam los im Zeichen von Strohdach und Erbhofbauerntum, von Volkstanz, Sonnwendfeiern und Mutterkreuz. In den eroberten Räumen sollten Zuchtpunktsysteme die Erschaffung von Herrennaturen sichern, die „Kimbrische Strickkunst“ wiederbelebt und die ernährungsphysiologischen Wirkungen von Haferbrei erforscht werden. Und hinzu kam Hitlers feierlichster und trivialster Gedanke: das in dieser Welt vergeudete arische Blut wieder zu sammeln und die kostbare Schale zu hüten um unverwundbar für alle Zeit zu werden.

In der Tat war es seine eigentliche Absicht, dem „guten Blut“ die imperiale Basis zu schaffen: ein von Deutschland beherrschtes Großreich, das den überwiegenden Teil Europas sowie Asiens umfassen und in hundert Jahren „der geschlossenste und kollossalste Machtblock“ sein sollte, den es je gegeben habe. ...

Ein weitgefächertes System von Straßen und Verkehrslinien, an deren Kreuzungen stützpunktartige Städte lagen, sollte die endlosen Ebenen sichern. Eine Denkschrift Himmlers vom November 1940 legte bereits Richtlinien vor, die sich ebenso mit dem „Herren-Sklaven-Verhältnis“ in den eroberten Gebieten wie mit der Anlage der Dörfer befasste und selbst die „Grünausstattung“ der neuen Siedlungen nicht vergaß, die der, wie es hieß, ererbten Liebe der deutschen Stämme zu Baum, Strauch und Blume Ausdruck geben sollte. Gleichzeitig war daran gedacht, die „Heranführung der Stromzuleitungen in möglichst unauffälliger Form zu gewährleisten“, um die Verhässlichung der Welt durch die Industrialisierung zu verbergen und den Garten Eden, zumindest der Idee nach, neu zu pflanzen.

Schon in „Mein Kampf“ hatte Hitler den Modernisierungsprozess die „Zweite Vertreibung“ aus dem Paradies genannt. Die riesigen Ebenen im Osten, stellte er sich vor, würden die Menschen aus industrieller Versklavung, aus der rassischen und moralischen Verkommenheit großstädtischer Verhältnisse befreien und zu den verlorenen Usprüngen der Vorfahren in einen geringfügig korrigierten Naturzustand zurückleiten. ...

Für dieses Ziel war Hitler zum Bruch der elementarsten Rechts- und Moralvorstellungen bereit. ... Die Mission duldete keinen Aufschub. Wie alle Utopisten, denen die Macht und die Mittel zur Vollstreckung ihrer Vorsätze gegeben worden waren, ist auch Hitler vor keiner Folgerung zurückgeschreckt. Ein Foto seines Schreibtischs in der Reichskanzlei zeigt ein Buch mit dem Titel „Die Rettung der Welt“. Nichts anderes sah er als die „Zyklopenaufgabe“ an, von der er gelegentlich sprach. Was sich dagegen stellte, war nur die verachtete Realität, die sich stets den großen Ideen und Heilsplänen verweigert hatte.

(So weit Joachim Fest in „Der zerstörte Traum“)

Es gibt ein Fischertaschenbuch von Wilhelm Sternburg: Die deutschen Kanzler von Bismarck bis Kohl. Darin schreibt Joachim Fest über Hitler (S. 370 f.):

Schon im Sommer 1942 erließ Hitler die Weisung, in den besetzten Ostgebieten die Abtreibung zu fördern, die Gesundheitsfürsorge einzustellen und ein allgemeines Sklavenbewußtsein zu verbreiten. Etwa zur gleichen Zeit setzten Überlegungen zur Geburtenförderung in Deutschland ein, in denen die ordinäre Plattheit von Kleintierzüchtern ihre schauerliche Parallelen zur Menschenwelt zog. Eine neue Ehegesetzgebung sollte die Bigamie, die Zwangsscheidung kinderloser Ehen sowie die Zwangsverheiratung kinderloser Frauen ermöglichen, ein Zuchtpunktsystem die Kopulierung rassisch hochwertiger Menschen erleichtern und durch „günstige Keimkombinationen“ nichts geringeres als Nietzsches Übermenschen auf züchterischem Wege hervorbringen.  ...

Im Hintergrund, gar nicht weit und ansatzweise verwirklicht, erhob sich die Vision eines großgermanischen Imperiums mit der Welthauptstadt Germania, deren monströse Kulisse alle humanen Maße überstieg und die Imponiersucht des Regimes überaus treffend widerspiegelte. Und dieses Riesenreich war in seiner ganzen Ausdehnung, vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer, überzogen mit einem dichten System von Stützpunkten, Garnisonen, Lagern und Wachttürmen, in deren Schutz ein Geschlecht von Herrenmenschen – stolz, wehrhaft und inhuman – seinem mörderischen Blutkult und der Züchtung des arischen Gottmenschen nachging.    (So weit Joachim Fest)

 

6.  Nationalsozialismus und Kommunismus

 

Professor Hans Buchheim schrieb in seinem Buch „Totalitäre Herrschaft“ ( München 1962), S. 13-19:

Die Menschen unter totalitärer Herrschaft sind immer im Einsatz, immer angestrengt. Sie dürfen sich nicht mehr als diejenigen zeigen, die sie wirklich sind, sondern müssen in einer Atmosphäre des falschen Pathos der Freudlosigkeit, des Misstrauens ständig vorgeschriebene Rollen spielen und darauf bedacht sein ihre Loyalität „unter Beweis zu stellen“. Das Regime gestattet ihnen nicht nur nicht, sich zu entfalten, sondern will aus ihnen andere machen, als sie von Natur aus sind. Es engt sie nicht nur in ihrer Freiheit ein, sondern versucht, sie zu überfremden. Das gilt mehr noch als für die Gegner für die erklärten Anhänger des Regimes, weil diese immer ängstlich besorgt sein müssen, sich auf der jeweils gerade in Geltung befindlichen Generallinie zu bewegen. Kein Winkel des öffentlichen noch des privaten Lebens bietet Sicherheit vor Kontrolle; allenthalben kann man sich unversehens verdächtig machen. Beifall, Entrüstung, Begeisterung und Einsatzbereitschaft werden künstlich provoziert. Überhaupt ist Künstlichkeit ein hervorstechender Zug der totalitären Aktivität. ... Das Schlimmste aber ist, daß Begriffe, Worte und Werte ihrer altgewohnten Geltung beraubt und die sittlichen Maßstäbe verwirrt werden. Gegenüber dem offenen Terror gibt es keine Zweifel, daß er zu verabscheuen ist. Wenn jedoch das Böse in Gestalt des Geschichtlich-Notwendigen, des Gemeinnutzes, des Wohles des Volkes oder der Klasse auftritt, gerät der Mensch in schier unauflösliche sittliche Konflikte. ... Das eigentliche Merkmal totalitärer Herrschaft ist die schleichende Vergewaltigung des Menschen durch Perversion des Denkens und sozialen Lebens.

Diese Vergewaltigung folgt aus der Tatsache, daß der totalitäre Herrschaftsanspruch sich nicht in den Grenze möglicher staatlicher Zuständigkeit hält, sondern – wie es sich im Begriff ausdrückt – uneingeschränkt über das Ganze des menschlichen Lebens verfügen will. Er beschränkt sich nicht auf die Lebensbereiche, für die der Staat zuständig ist, sondern will alle umfassen und auch dort ausschließlich allein bestimmen, wo eine politische Herrschaft höchstens helfende Funktionen erfüllen kann, etwa im Leben der Familie, in der wissenschaftlichen Forschung und in der Kunst. Die totalitäre Herrschaft versucht den ganzen Menschen, die Substanz und Spontaneität seines Daseins in den Griff zu bekommen, einschließlich seines Gewissens. Sie erkennt die Gesellschaft nicht als den dem Staat vorgeordneten Raum der Freiheit an, der im Prinzip jeder Herrschaftskompetenz entzogen ist, sondern greift ausdrücklich in ihn ein, um ihn nach einem eigenen Plan von Grund auf zu verändern; denn sie will nach einem ideologischen Schema und mit sozialtechnischen Methoden eine völlig neue Gesellschaft, einen Menschen „mit neuen Eigenschaften“, wie Lenin sagt, ja eine neue Welt schaffen. Sie unternimmt es, eine künstliche, synthetische Gesellschaft zu produzieren. Unter diesen Umständen können ihr die Menschen nur als Bauelemente, Rohstoff, „Menschenmaterial“ gelten; sie kann den Bürger grundsätzlich nicht in seiner personalen Eigenständigkeit anerkennen, in der die politische Freiheit begründet ist, sondern muss ihn zu beliebigem Einsatz verfügbar machen. Während es zum Wesen der menschlichen Person gehört, für ihresgleichen letztlich nicht verfügbar, sondern Partner zu sein, versucht die totalitäre Herrschaft sich das Unverfügbare verfügbar zu machen. Sie zerstört die alten Sozialelemente und Sozialprozesse und setzt neue künstliche in Gang. Gruppen, die als schädlich gelten, merzt sie aus; sie versucht, neue Eliten zu bilden und scheut auch nicht davor zurück, mit Drogen und Operationen in den personalen Kern des Einzelmenschen verändernd einzugreifen. Dementsprechend wollten die Nationalsozialisten eine neue Gesellschaft durch biologische Züchtung und Selektion schaffen. ...

Im Gegensatz zur Erziehung, die eine spontane und freie Entfaltung der menschlichen Person voraussetzt und diese vor allem fördert und reguliert, ist die Schulung Dressur auf bestimmte berechenbare und daher in einen Funktionszusammenhang einkalkulierbare Denk- und Verhaltensweisen, also ein sozialtechnisches Werkzeug. Der erfolgreich geschulte Mensch hat auf alle an ihn herangetragenen Fragen vorfabrizierte Antworten bereit und reagiert auf bestimmte Reize ( etwa „Kapitalisten“ oder Juden) in sicher vorhersehbarer Weise. Er sieht die Welt ausschließlich aus dem Blickwinkel und in der Beleuchtung der Ideologie und vermag deshalb ohne Zwang von sich aus so zu handeln, wie es die Konsequenz des Systems in der jeweiligen Situation fordert. Er ist also auf den praktischen Ablauf totalitärer Machtausübung geistig und moralisch gewissermaßen synchronisiert. Während Erziehung zwischen dem Erzieher und dem zu Erziehenden ein personales Verhältnis menschlicher Gleichberechtigung voraussetzt, wird der zu Schulende vom „Schulungsleiter“ zum Objekt planmäßiger geistiger Umgestaltung herabgewürdigt. Nach Martin Buber ist eine Gesellschaft in dem Maße eine menschliche, als ihre Mitglieder einander bestätigen. Ihr Fundament sei der Wunsch des Menschen, als das, was er ist, bestätigt zu werden, und die Fähigkeit, seine Mitmenschen ebenso zu bestätigen. ... Dagegen beharre der totalitäre Machtanspruch in seiner Verwendungssucht darauf, Menschen wie Dinge zu behandeln, zu denen er nie in Beziehung trete, sondern die er ihrer Selbständigkeit zu berauben beflissen sei.

Der Anspruch der totalitären Bewegung über Mensch und Gesellschaft derart uneingeschränkt zu verfügen, beruht auf ihrem Anspruch, den Sinn der Weltgeschichte zu kennen und deshalb in der Lage zu sein, deren Lauf zu vollenden. Kommunismus und Nationalsozialismus entsprangen beide der Vorstellung, daß eine Klasse bzw. ein Volk in seiner Existenz bedroht sei und zwar durch gewissermaßen welthistorische Gefahren: die Unterdrückung des Proletariats durch den Kapitalismus, die Zersetzung der „blutlichen“ Kraft der nordischen Rasse durch das Judentum. Beide Bewegungen glaubten, im Angelpunkt der Weltgeschichte zu stehen und hielten sich für berufen, durch politische Maßnahmen die völlige „Weltwende“ herbeizuführen. Die rücksichtslose Ausbeutung großer Teile der europäischen Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert ließ den kommunistischen Anspruch entstehen, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern und eine neue Welt zu schaffen, in der niemand mehr Not leiden müsse, sondern alle irdischen Güter ein für allemal gerecht verteilt seien. ... Die Nationalsozialisten erklärten die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und deren Folgen aus dem rassenbiologischen Niedergang des nordischen Menschen, der der Schöpfer und Träger der Kultur überhaupt sei. Durch „Aufnordung“ des deutschen Menschen und Ausmerzung des zersetzenden Judentums sollten die Voraussetzungen für das „Tausendjährige Reich“ der Deutschen und damit für die endgültige Herrschaft der nordischen Rasse geschaffen werden.                ( So weit Hans Buchheim)

 

Heinrich August Winkler, Professor für Neuere Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, schrieb in der F.A.Z. vom 19. Juni 1998:

Der Vergleich zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus ist nicht nur legitim, sondern notwendig. Er eröffnet die Chance, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. ... Es gibt diese Übereinstimmungen, und sie haben eine gemeinsame Ursache: Es sind der Anspruch auf den ganzen Menschen und die Orientierung am Ziel des neuen Menschen, den ursprünglich alle totalitären Regime propagierten und den sie gewaltsam erschaffen wollten. ... Muß man am Ende des 20. Jahrhunderts wirklich noch begründen, daß es legitim, ja notwendig ist, sich mit den Verbrechen aller totalitärer Diktaturen, also auch der kommunistischen, zu beschäftigen? Offenbar ja. Es gibt zwar zahllose wissenschaftliche Veröffentlichungen über die Verbrechen Stalins, aber immer noch eine verbreitete Neigung, im Stalinismus einen Betriebsunfall des Kommunismus zu sehen. Lenin gilt vielen, die sich für „links“ halten, weiterhin als tragischer Held. Über seine Revolution heißt es im Programm einer im Bundestag vertretenen deutschen Partei: „Dem welthistorischen Ereignis der sozialistischen Oktoberrevolution von 1917 verdankt die Mehrheit grundlegende günstige Entwicklungen im zwanzigsten Jahrhundert.“ Das Zitat stammt aus dem Programm der PDS vom Januar 1993.

Tatsächlich stand die Herrschaftspraxis der Bolschewiken von Anfang an unter der Devise: „Wer sich widersetzt, ist zu erschießen.“ In dieser Parole gipfelte ein Aufruf der Volkskommissare vom 22. Februar 1918. Er zielte auf Männer und Frauen aus der Bourgeoisie, die sich weigerten, unter Aufsicht der Rotgardisten Gräben auszuheben. Der Verfasser des Aufrufs war Lenin. Es ist das Verdienst von Nicolas Werth, Autor des umfangreichsten Beitrags zum „Schwarzbuch“, des Teiles über die Sowjetunion, daß er die ganze Absurdität des Versuches herausarbeitet, den „guten Lenin“ gegen den „bösen Stalin“ auszuspielen. Doch für eine historische Ortsbestimmung des Kommunismus reicht es nicht aus, bis auf Lenin zurückzugehen. „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen“, hat der junge Marx einmal bemerkt. Die Kritik des Kommunismus darf nicht bei Lenin stehen bleiben und vor Marx haltmachen. ...

Die Grundannahme von Marx und Engels war, daß die „bürgerliche“ Revolution von 1789 sich auf höherer Ebene wiederholen musste: als proletarische und damit als letzte aller Revolutionen. Den Terror der Jakobiner hielt Marx geradezu für beispielhaft, und aus den Erfahrungen von 1848 zog er den Schluß, daß das Proletariat die einmal eroberte Macht nur durch die „Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats“, also durch die rücksichtslose Unterdrückung der Klassengegner, sichern konnte.

(So weit Heinrich August Winkler)

 

Der Historiker Arnulf Baring stellt in der F.A.Z. gelegentlich interessante Zeitschriftenaufsätze vor. In der F.A.Z. vom 13. April 1999 schrieb er:

Im Heft 1/99 der „Europäischen Rundschau“ zeigt der französische Philosoph Alain Besançon, warum der Kommunismus weithin milder beurteilt wird als der Nationalsozialismus, wobei er zunächst einmal die Gemeinsamkeiten der beiden verfeindeten Totalitarismen betont. Beide hätten ihr Ziel, die Erschaffung einer vollkommenen Gesellschaft, mit der Beseitigung aller schädlichen Elemente erreichen wollen. „Im ersten Fall handelte es sich dabei um das Eigentum, folglich die Eigentümer, und später, als das Böse auch nach der Liquidierung der Eigentümerklasse weiter bestand, die Gesamtheit aller vom Geist des Kapitalismus verdorbenen Menschen, wobei sich dieser Geist sogar in der Kommunistischen Partei breitgemacht hatte. Im anderen Fall galten als schädliche Elemente die sogenannten niedrigeren Rassen, besonders die jüdische, und da auch hier das Böse nach Vertilgung der Juden weiterbestand, musste man es in anderen Rassen verfolgen, unter Umständen auch in der `arischen Rasse` selbst, wenn diese ihre `Reinheit` nicht bewahrt hatte.“ Beide Ideologien hätten vorgegeben, dem Menschen dienen zu wollen. Der Nationalsozialismus habe das Beste für das deutsche Volk gewollt und behauptet, der Menschheit einen Dienst zu erweisen, indem er die Juden ausrotte. Der leninistische Kommunismus habe von Anbeginn die ganze Menschheit beglücken wollen. Dieser Universalismus bedeute einen immensen Vorteil gegenüber dem Nationalsozialismus, dessen Programm nicht exportierbar sei. „Beide Doktrinen bieten höhere Ideale an, die ihren Anhängern begeisterte Aufopferung und Heldentaten abverlangen, während sie sie gleichzeitig mit dem Recht und der Pflicht zu töten belasten.“

Die Grundlage beider Systeme sei ein teils offen ausgesprochenes, teils nur angedeutetes Heilmittel: das Töten. Beide, Nationalsozialismus und Kommunismus, seien kriminelle Systeme. In gleicher Weise? Besançon wehrt diese Frage ab. Da er sich mit beiden Systemen gründlich beschäftigt habe, und „die Rekordleistungen der Nazis“ bei der Intensität des Tötens (die Gaskammern) und die Rekorde der Kommunisten  beim Umfang des Tötens (über sechzig Millionen Tote) genau kenne und obendrein wisse, wie von beiden Regimen das moralische Empfinden der Menschen pervertiert worden sei, sehe er keinen Grund, sich auf diese gefährliche Diskussion einzulassen. Mit aller Bestimmtheit müsse man aber sagen: „Ja, beide sind gleich kriminell.“ ...

Besançon nennt eine Reihe von Gründen, weshalb die Verbrechen der Nationalsozialisten so stark im Bewußtsein der Welt präsent sind und die der Kommunisten so wenig. Zunächst  einmal seien die Verbrechen der Nazis bekannter als die der Kommunisten. Das Entsetzen der alliierten Truppen, die sie die Konzentrationslager entdeckten, habe sich der ganzen Welt mitgeteilt. Außerdem hätten mehrere westeuropäische Völker unmittelbare Erfahrungen nur mit den Nazis gemacht. Beispielsweise habe er oftmals seinen Studenten die Frage gestellt, ob sie etwas von der 1933 künstlich herbeigeführten Hungersnot in der Ukraine wüssten, der über 10 Millionen Menschen zum Opfer fielen: „Sie hatten noch nie etwas davon gehört.“

Ein zweiter Grund, weshalb die nazistischen Verbrechen derart stark im Gedächtnis der Menschen verankert seien, sagt Besançon, liege in der jüdischen Entschlossenheit zur Erinnerungsarbeit an der Schoa. ...

Ein weiterer Grund sei der Zweite Weltkrieg. Durch den Krieg gegen Deutschland, der die Demokratien dazu brachte, mit der Sowjetunion ein Militärbündnis zu schließen, seien die Abwehrkräfte des Westens gegen die kommunistische Idee, die beim Hitler-Stalin-Pakt noch sehr stark gewesen seien, derart geschwächt worden, „daß man durchaus von einer Art intellektueller Blockade sprechen“ könne. ... Anders als in Osteuropa habe man in Westeuropa beim Kriegsende keine persönlichen Erfahrungen mit der Roten Armee gemacht. „Sie wurde ebenso wie die anderen alliierten Armeen als Befreiungsarmee gesehen, eine Auffassung, die weder von den Balten noch von den Polen geteilt wurde.“ ...

Zum Kapitalismus, der auch Imperialismus genannt wurde, gehörten in sowjetischer Sicht die liberalen, sozialdemokratischen und faschistischen Regime einschließlich des Nationalsozialismus gleichermaßen. „Das machte es den deutschen Kommunisten möglich, die ´Sozialfaschisten` und die Nazis auf die gleiche Stufe zu stellen.“ Damit habe man die Besonderheit des Nationalsozialismus getilgt. Wenn man einen  Blick in westliche Geschichtsbücher werfe, die heute zum Unterricht an den Oberschulen und Universitäten dienten, werde allgemein noch immer folgende Unterscheidung gemacht: Das sowjetische Regime einerseits, andererseits die liberalen Demokratien, mit ihren Linken und Rechten, und drittens eine sehr gemischte Gruppe, in der die faschistischen Regime, nämlich der Nationalsozialismus, der italienische Faschismus, der spanische Franco-Faschismus und andere unterschiedslos in einen Topf geworfen würden. Das klinge wie eine gemilderte Version der sowjetischen Lesart. Dagegen finde man nur selten in den Lehrbüchern jene korrekte Klassifizierung, auf die sich heute die Historiker geeinigt hätten: Dann stünden zu Recht an erster Stelle, Seite an Seite, die beiden totalitären Regime, nämlich Kommunismus und Nationalsozialismus. An zweiter Stelle die liberalen Regime. Und an dritter die autoritären Regime Italiens, Spaniens, Ungarns, Südamerikas, die die klassischen Merkmale der Diktatur und Tyrannei aufwiesen.

Eine weitere Erklärung für die Nachsicht, mit der man den Kommunismus in der Rückschau behandelt, sieht Besançon in der heutigen Schwäche aller Gruppen, die von ihren Erfahrungen her imstande wären, die Erinnerung an die kommunistischen Realitäten wachzuhalten. Die Nazizeit habe zwölf Jahre gedauert, der europäische Kommunismus in den verschiedenen Ländern zwischen fünfzig und siebzig Jahren. Diese Dauer habe „eine amnestisierende Wirkung“. In dieser langen Zeit seien die Zivilgesellschaften zertrümmert, die Eliten Schritt für Schritt zerstört, ersetzt und umerzogen worden. Jeder – oder fast jeder – habe quer durch alle Gesellschaftsschichten Verrat geübt und sich moralisch erniedrigt. ...

Trotzdem ist Besançon am Ende seiner Abhandlung hoffnungsvoll, daß sich die Wahrheit am Ende durchsetzten wird.      (So weit Arnulf Baring über den Aufsatz von Alain Besançon)

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