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Die Reichsgründung durch Bismarck

 

1. Die Lage in Deutschland und Europa
Immer noch bestimmte im wesentlichen die Wiener Kongreßschlußakte die Lage in Deutschland und Europa (siehe das Kapitel Wiener Kongreß). In Frankreich regierte inzwischen Kaiser Napoleon III. Fasziniert von dem Namen des ehemaligen Beherrschers Europas hatten sich die Franzosen noch einmal dem berühmten Namen unterworfen, ohne zu beachten, daß der Nachkomme nur den Namen des großen Generals, nicht aber dessen militärische Fähigkeiten hatte. Trotzdem erwartete die Nation, daß sie mit einem Kaiser Napoleon wieder zur Vormacht Europas werden würde. Anläßlich der Einigung Italiens (1859-1861) hatte Italien die Zustimmung Napoleons zur Einigung dadurch erkaufen müssen, daß es die italienischen Gebiete Savoyen und Nizza an Frankreich abtrat. Napoleon hoffte auch, bei günstiger Gelegenheit deutsches Gebiet links des Rheines zu erwerben. Das war eine Gefahr für den Deutschen Bund, speziell für Preußen, das die „Wacht am Rhein“ übernommen hatte. Das Scheitern der Revolution von 1848/49 hatte die Sehnsucht der Deutschen nach nationaler Einheit geweckt, sie wurde verstärkt durch die gelungene Einigung Italiens. Österreich war  dadurch geschwächt, daß sich seine Beziehungen zu Rußland seit dem Krimkrieg 1955 stark verschlechtert hatten und daß es 1859 den italienischen Einigungskrieg verloren hatte; dabei hatte es auch die Lombardei an das neue Königreich Italien verloren. Diese Verluste wollte Österreich dadurch ausgleichen, daß es seinen Einfluß in Mitteleuropa verstärkte. Österreich strebte nach einer Reform des Deutschen Bundes. Ziel war nicht ein deutscher Nationalstaat, sondern eine mitteleuropäische Föderation mit einem gemeinsamen Zoll- und Wirtschaftsgebiet. Dem widersetzte sich Bismarck, der seit 1862 Ministerpräsident in Preußen war. Er strebte nach Vergrößerung Preußens und der Zerstörung des Deutschen Bundes. Der einzige Verbündete Preußens auf diesem Weg war die deutsche Nationalbewegung. In diesem Punkt war Bismarck bereit, mit den deutschen Liberalen zusammenzugehen. Ansonsten hielt er vom Liberalismus nichts. Er war gegen Parlamente, gegen Parteien. Er trat für eine möglichst weitgehende Unabhängigkeit des Monarchen ein.

2. Die preußische Heeresreform und der Verfassungskonflikt
Der neue preußische König Wilhelm I. plante ein Heeresreform. Die kleine preußische Armee sollte der gestiegenen Bevölkerungszahl und den gestiegenen Steuereinnahmen angepaßt werden. Das preußische Abgeordnetenhaus hatte jedoch gemäß der Verfassung das Recht, über die Verwendung der Steuern zu beschließen (=Haushaltsrecht). Das Abgeordnetenhaus lehnte mit seiner großen liberalen Mehrheit die Gelder für die Heeresreform ab. Der König war nicht bereit nachzugeben, die Minister traten ratlos zurück. Da versprach Bismarck dem König, die Heeresreform in seinem Sinne durchzusetzen. So ernannte der König 1862 Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten.

Bismarck ignorierte nun einfach das Haushaltsrecht des Angeordnetenhauses. Die Steuern wurden auf Befehl des Königs eingezogen und auf Befehl des Königs für die Armee ausgegeben. So wurde aus dem Heereskonflikt ein Verfassungskonflikt. Im Abgeordnetenhaus gab es heftige Proteste. In dieser Zeit sagte Bismarck im Budgetausschuß (=Haushaltsausschuß) des Abgeordnetenhauses den bekannten Satz: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 49 gewesen – sondern durch Eisen und Blut.“

Mit diesem Verfassungsbruch standen König Wilhelm und Bismarck ziemlich alleine. Die Königin, der Kronprinz und seine englische Frau, der Schwiegersohn Friedrich von Baden rieten dringend von dieser Politik ab. In der liberalen Öffentlichkeit ganz Deutschlands war  Bismarck damals richtig verhaßt.

In den Jahren ab 1862 wurde die preußische Armee mit verfassungswidrigem Geld die beste und modernste Armee Europas. Das war das Verdienst von Helmuth von Moltke, dem Chef des preußischen Generalstabes. Zur Ausrüstung gehörte das neue Zündnadelgewehr, das Johann Dreyse erfunden hatte. Eine Patrone vereinte alle für einen Schuß erforderlichen Teile; eine von einer Sprungfeder losgeschossene Nadel zündete das Pulver. Das Gewehr war ein Hinterlader, und man konnte leicht im Liegen schießen und nachladen. Für die preußische Armee wurden damals mehrere hunderttausend Gewehre beschafft. Außerdem führte Moltke damals in der preußischen Armee die „Auftragstaktik“ ein. Das bedeutete: Die nachgeordneten Führer erhalten einen bestimmten Auftrag; sie kennen die Absicht der Führung und sind frei in der Durchführung dieses Auftrags. Sie haben das Recht und die Pflicht, selbständig zu entscheiden. Sie können also bei Lageänderung die Befehlsausführung so verändern, daß sie am besten zum Ziel des Auftrages paßt. Nicht „primitiver preußíscher Kadavergehorsam“ war also verlangt, sondern Eigeninitiative und Eigenverantwortung der unteren Ebenen. Diese Auftragstaktik wurde später im deutschen Militär übernommen.

[Hier ein kleiner Einschub: Der israelische Militärhistoriker Martin van Crefeld hat 1982 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Fighting Power. German and US-Army Performance, 1939-1945.“ Das Buch ist 2005 in deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel: „Kampfkraft. Militärische Organisation und Leistung 1939-1945.“ Das Buch entstand als Studie für das amerikanische Verteidigungsministerium. Creveld sollte die Frage beantworten: „Was hat dazu geführt, daß die deutsche Wehrmacht so gut kämpfte, wie sie es getan hat?“ (S. 10) Den wichtigsten Unterschied zwischen der amerikanischen und der deutschen Armee findet Creveld in der von Moltke eingeführten Auftragstaktik (S. 51 f.), im Recht und in der Pflicht der nachgeordneten Führer, selbständig zu entscheiden und zu handeln. Creveld kommt zu dem Ergebnis: „Das deutsche Heer war eine vorzügliche Kampforganisation. Im Hinblick auf Moral, Elan, Truppenzusammenhalt und Elastizität war ihm wahrscheinlich unter den Armeen des zwanzigsten Jahrhunderts keine ebenbürtig.“ (S. 189) Soweit dieser Einschub.]

Mit dieser verfassungswidrigen Armee hat Bismarck zwei Kriege gewonnen,  1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich.

3. Der Krieg gegen Österreich
Im Jahre 1864 brach der Krieg um Schleswig wieder auf (siehe das Kapitel „Wiener Kongreß“ und das Kapitel „Liberalismus“, Abschnitt „Die Revolution von 1848“). Der kurze Krieg von 1848 war mit einem Vertrag der Großmächte beendet worden, in dem festgelegt war, es müsse alles so bleiben, wie es beim Wiener Kongreß beschlossen worden war. Diesen Vertrag brach der dänische König, indem er erneut das Herzogtum Schleswig abschaffte und Schleswig zu einem Teil des Königreichs Dänemark erklärte. Wegen dieses Vertragsbruchs waren die beiden deutschen Großmächte Preußen und Österreich berechtigt, gegen Dänemark Krieg zu führen. Dänemark verlor diesen Krieg und trat die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein an Preußen und Österreich ab. Preußen und Österreich stritten nun, was mit den beiden Herzogtümern geschehen solle. Und diesen Streit benutzte nun Bismarck, um den Krieg gegen Österreich herbeizuführen. Er suchte die Entscheidung im deutschen „Dualismus“ (siehe das Kapitel „Wiener Kongreß“). Und Österreich wich der Herausforderung nicht aus. Österreich brachte die Sache Schleswig und Holstein vor den Bundestag des Deutschen Bundes. Damit brach es aber einen Vertrag, den es mit Preußen geschlossen hatte. Preußen drohte mit Krieg. Österreich beantragte beim Bundestag Bundesexekution (also Krieg) gegen Preußen. Am 14. Juni 1866 erhielt Österreich bei dieser Abstimmung im Bundestag eine Mehrheit. Das war die Kriegserklärung an Preußen. Preußen trat aus den Deutschen Bunde aus, und er war damit zu Ende, wie Bismarck es gewollt hatte.

Auf der Seite Österreichs standen Baden, Württemberg, Bayern, Liechtenstein, Hannover, Sachsen, Kurhessen, Nassau, Hessen-Darmstadt und die freie Stadt Frankfurt. Auf der Seite Preußens standen die thüringischen und norddeutschen Kleinstaaten. Luxemburg blieb neutral. Mit Italien hatte Bismarck ein Kriegsbündnis geschlossen; Italien wollte von Österreich Venetien haben. Kaiser Napoleon stand in Kontakt mit den beiden kriegführenden deutschen Mächten und hoffte, in jedem Falle als lachender Dritter linksrheinisches deutsches Gebiet zu erwerben, als Preis für die Einmischung oder Nichteinmischung, je nachdem.

Die Risiken dieses Krieges waren für Preußen hoch. Die Bevölkerung Preußens betrug 18 Millionen, die seiner Gegner 56 Millionen. Allgemein erwartete man einen Sieg Österreichs. Mit dem Plan, diesen Krieg zu führen, war Bismarck ein Ein-Mann-Unternehmen gewesen. Die ganze deutsche liberale Öffentlichkeit war wegen des Verfassungskonfliktes sowieso gegen Bismarck und in diesem speziellen Fall gegen den drohenden „Bruderkrieg“. Auch die ganze Familie und Verwandtschaft des Königs war gegen Bismarck und „seinen“ Krieg. König Wilhelm war bis zum Schluß unsicher. Innerlich war er gegen diesen Krieg. Aber er war auf diesen Ministerpräsidenten Bismarck angewiesen. Wenn er zurücktrat, hatte er keinen anderen, der diesen Verfassungskonflikt mitmachte. In schlaflosen Nächten betete der König  um Erleuchtung. Ludwig Reiners erzählt in seiner auch für Schüler sehr lesenswerten Bismarck-Biographie, wie Bismarck dem König die Zustimmung zum Kriege abrang. Im Arbeitszimmer des Königs fand die entscheidende Besprechung zwischen Bismarck und König Wilhelm statt. Dabei wurden beide sehr laut. Das hörte man draußen im Vorzimmer. Dem Büroleiter des Königs, dem Grafen Lehndorff, war das peinlich, und er schickte die Mitarbeiter weg.

Endlich kommt Bismarck heraus. Der König hat abgelehnt. Bismarck sieht verstört aus. Er sagt zu Lehndorff: „Bitte gehen Sie hinein und melden Sie mich noch einmal an.“ Lehndorff geht hinein und kommt wieder heraus mit dem Bescheid, die Sache sei entschieden, der König wolle nicht mehr darüber reden. Da geht Bismarck an Lehndorff vorbei unangemeldet ins Arbeitszimmer des Königs. Erneut gibt es drinnen einen lauten Wortwechsel. Lehndorff steht im Vorzimmer, zweifelnd, was er tun solle. Es gibt ja Leute, die trauen diesem Bismarck alles zu. Plötzlich geht die Tür wieder auf, Bismarck wirft sich auf eine Liege und sagt: „Der Krieg ist beschlossen. Lassen Sie mich nach Hause bringen.“

4. Königgrätz
Für das Verständnis empfiehlt es sich, eine Geschichtskarte oder wenigstens eine Landkarte heranzuziehen. Böhmen (das heutige Tschechien) war damals Teil des Kaiserreichs Österreich. Im Nordosten grenzte Böhmen an das preußische Schlesien, im Nordwesten an Sachsen, das damals mit Österreich verbündet war. Die Sachsen hatten ihr Land militärisch schon aufgegeben, hatten sich nach Böhmen zurückgezogen und warteten hier auf die herannahenden Österreicher. Diese mußten mit ihrer ganzen Armee zu Fuß durch ganz Böhmen hindurch nach Norden marschieren und hatten dabei schon viele Ausfälle.

Moltke bildete mit 50000 Mann eine Westarmee, die genügte, um die 120000 Mann der Verbündeten Österreichs in Schach zu halten. Die übrigen 250000 Mann teilte Moltke in drei getrennte Armeen ein, die auf getrennten Wegen in Böhmen einmarschierten. So konnte man mehr Eisenbahnkapazität benutzen und war dadurch schneller. Drei preußische Armeen rückten innerhalb weniger Tage in Böhmen ein: die „Elbarmee“ von Sachsen aus durch das Erzgebirge, eine zweite, die „Erste Armee“, weiter östlich von der Lausitz aus, und eine dritte, die „Zweite Armee“, weiter südlich von Schlesien her über das Sudetengebirge. Dieser Aufmarsch ging so schnell, daß die Zugangswege nach Böhmen noch offen und unverteidigt waren. Die drei preußischen Armeen sollten sich in Böhmen vereinigen und dort die österreichisch-sächsische Armee besiegen. Moltke nannte das: „Getrennt marschieren, vereint schlagen.“

Die Österreicher und die Sachsen hatten 271000 Mann unter dem Oberbefehlshaber Ludwig von Benedek. Dieser hatte schon 1859 die Schlacht von Solferino in Italien verloren und hatte sich nur widerwillig zu diesem Kommando drängen lassen. Die ersten Gefechte Ende Juni 1866 verliefen sehr ungünstig für die Österreicher. Zum ersten Mal spielte in einem Krieg der Telegraph eine Rolle. Benedek telegraphierte nach Wien, man solle „um jeden Preis Frieden machen“. Kaiser Franz Josef fragte: „Hat es denn eine Schlacht gegeben?“ Die österreichische Regierung forderte von Benedek eine Schlacht. Benedek stellte darauf seine Truppen im Nordosten Böhmens zwischen den Orten Königgrätz und Sadowa zur Schlacht auf. Als Moltke das am späten Abend des 2. Juli erfuhr, entschloß er sich, die Schlacht anzunehmen. Er hatte die „Elbarmee“ und die „Erste Armee“ bei sich, die „Zweite Armee“ (110000 Mann) unter Führung des Kronprinzen war 15 Kilometer entfernt. Sie bekam den Befehl, sofort heranzumarschieren.

Für Bismarck war der Tag der Schlacht von Königgrätz der entscheidende Tag in seinem Leben. Im Falle einer Niederlage war für ihn alles verloren. Überall hätten seine zahlreichen Gegner triumphiert. Preußens Rolle als Großmacht wäre vermutlich zu Ende gewesen. Am Tag der Schlacht, einem Dienstag, wurde das preußische Abgeordnetenhaus neu gewählt. Eine liberale Mehrheit gegen Bismarck war sicher. Sein Verfassungsbruch konnte leicht zu einer Anklage wegen Hochverrats führen. Es gibt mehrere Aussagen von ihm vor und nach der Schlacht, im Falle einer Niederlage hätte er sich einer Kavallerieattacke angeschlossen und den Tod gesucht.

Die Schlacht beginnt am Morgen des 3. Juli. Es ist kaltes und regnerisches Wetter. Von einer Anhöhe aus beobachtet die preußische Führung das Geschehen. Außer dem Gefolge sind es vier Personen, alle in Uniform und zu Pferde: König Wilhelm, 69 Jahre alt, Helmuth von Moltke, der Chef des Generalstabes, 66 Jahre alt, Kriegsminister Albrecht von Roon, 63 Jahre alt. Zu diesem Club betagter aktiver Soldaten gehört als vierter ein „junger“ Zivilist, Ministerpräsident Otto von Bismarck, 51 Jahre alt. Der König hat ihn kurzerhand zum Major der Landwehr ernannt, ihn in eine Uniform gesteckt und aufs Pferd gesetzt. Alle tragen ihre Uniformmäntel an diesem kalten 3. Juli 1866.

Das preußische Führungspersonal bleibt ganz ruhig, obwohl die Armee des Kronprinzen, von der man sich die Entscheidung erhofft, nicht wie erwartet am Vormittag eintrifft. Die vom Regen aufgeweichten Wege verzögern die Ankunft. Die Schlacht verläuft mehrere Stunden unentschieden. Der König wird nervös. Schließlich ist es sein Sohn, der sich da verspätet. Moltke beruhigt ihn: „Majestät werden heute nicht nur die Schlacht, sondern den ganzen Feldzug gewinnen.“ Bismarck hält Moltke sein Zigarrenetui hin, Moltke nimmt ganz ruhig eine. Bismarck zum König: „Unsere Sache steht gut. Moltke hat in aller Ruhe meine beste Zigarre ausgesucht.“ Ein Artelleriegeschoß schlägt allzu nahe ein. Bismarck bittet den König, eine weniger gefährliche Stellung zu beziehen. Der König ist empört. So etwas kann nur dieser verkleidete Zivilist vorschlagen. Kein Soldat darf während des Gefechts die Stellung verlassen, nur weil es gefährlich wird. Bismarck wird energisch. Er braucht den König lebend, mit dem Kronprinzen kann er seine Politik nicht machen. Der König gibt seinem Ministerpräsidenten wieder einmal nach. Um die Gangart des Pferdes zu beschleunigen, drückt Bismarck beim Wegreiten dem königlichen Pferd seine Stiefelspitze in die Seite. Der König beschwert sich: „Auf allerhöchsten Befehl muß der König von Preußen während der Schlacht die Stellung wechseln.“ Am Mittag erscheint die Armee des Kronprinzen und entscheidet die Schlacht. (In dieser Armee diente der achtzehnjährige Paul von Hindenburg als Leutnant. Er wurde leicht verwundet.) Um 16 Uhr gibt Benedek seinen Truppen den Befehl zum Rückzug. Noch auf dem Schlachtfeld verleiht der König seinem Sohn, dem Kronprinzen, den Orden Pour le merite, Bismarck wird zum Generalmajor befördert. 1900 Tote gibt es auf Seiten der Preußen, 5800 Tote auf Seiten der Österreicher und Sachsen. Bismarck ist vom Anblick der Toten und Verwundeten tief beeindruckt. „Wer das gesehen hat“, so schreibt er später, „wird niemals leichtfertig zum Kriege raten“.

Die Österreicher waren nicht völlig geschlagen. Sie mußten aber Böhmen und Mähren räumen. Das preußische Heer rückte nach, und zwei Wochen später befand sich das preußische Hauptquartier im Schloß Nikolsburg in Mähren, 70 Kilometer nördlich von Wien. Zwei preußische Armeen standen 15 Kilometer vor Wien.

5. Nikolsburg
In Nikolsburg gab es einen Waffenstillstand von fünf Tagen. In dieser Zeit handelte Bismarck mit dem österreichischen und dem französischen Gesandten einen Vorfriedensvertrag aus, der später auch zum endgültigen Friedensvertrag wurde. In diesem Vorfriedensvertrag wurde Österreich geschont: Es sollte nur auf seinen Einfluß in Deutschland verzichten. Auch Sachsen wurde geschont; das war Österreichs Bedingung. Preußen konnte nördlich des Mains sein Staatsgebiet erweitern. Vorgesehen war die Annexion von Schleswig und Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt. Mit diesen begrenzten Zielen hatte Bismarck mit militärischen Mitteln das erreicht, was er mit diplomatischen Mitteln nicht erreicht hatte. (Hier unterscheidet er sich von vielen maßlosen Siegern des 20. Jahrhunderts.)

Bismarck dachte an die Zukunft. Er wollte Österreich nicht unnötig demütigen und schwächen. Vielleicht würde man es später wieder als Partner brauchen. Außerdem stellte sich Bismarck die Frage: „Wenn Österreich zusammenbricht, was sollen wir von Tirol bis Bukowina an seine Stelle setzen?“ (Darauf hatten die Sieger des Ersten Weltkrieges auch keine Antwort.) Ebenfalls typisch Bismarck: Er war ein Anhänger der monarchischen konservativen Staatsidee. Trotzdem trat er dafür ein, das Königreich Hannover vollständig zu annektieren und damit dem uralten Geschlecht der Welfen Land und Herrschaft zu nehmen. Bismarck brauchte Hannover als Landverbindung zu den preußischen Provinzen am Rhein, und ein verstümmeltes Hannover wäre ewig ein unzufriedener Gegner Preußens geblieben.

Gegen diesen Friedensvertragsentwurf sträubte sich nun König Wilhelm. Er sagte, die Ehre der Armee verlange einen Einmarsch in Wien mit Siegesparade. Er verlangte, die beiden Hauptschuldigen am Kriege, Österreich und Sachsen, müßten mit Gebietsverlusten bestraft werden, der König von Hannover sei dagegen zum Krieg verführt worden und solle deshalb sein Land wenigstens zum Teil behalten.

Bismarck hielt Argumente dagegen, die die Sieger des Ersten Weltkrieges leider nicht beachteten: Es sei nicht Aufgabe des Königs, eines Richteramtes zu walten oder vergeltende Gerechtigkeit zu üben, es sei vielmehr seine Aufgabe, Politik für die Zukunft zu treiben. Österreichs Rivalitätskampf gegen Preußen sei nicht strafbarer als der preußische gegen

Österreich. Außerdem trug Bismarck militärische Risiken vor, was nicht seine Aufgabe war: Bei den Kämpfen um Wien könne sich das Kriegsglück wieder wenden. Ein möglicher Aufmarsch Frankreichs sei eine gefährliche Bedrohung.

König Wilhelm blieb stur. Daß Bismarck sich damals trotzdem durchsetzte, gilt als seine größte politische Leistung. Im Alter sagte Bismarck einmal: „Meine beiden größten Schwierigkeiten waren, König Wilhelm zuerst nach Böhmen hinein- und ihn dann wieder aus Böhmen herauszubringen.“

Wie sich Bismarck dann doch durchsetzte, beschrieb er in seinen Memoiren. Die Vorgänge, die er schildert, stimmen, aber er hat die Dinge wohl dramatischer dargestellt, als sie waren.

Am 23. Juli fand Kriegsrat in Bismarcks Arbeitszimmer statt. Bismarck litt an heftigen Schmerzen im linken Bein, die ein Gummistrumpf linderte. Bismarck schreibt: „Ich war der einzige Zivilist in Uniform.“ Der König sprach sich für die Fortsetzung des Krieges aus, und die klare Mehrheit war auf seiner Seite. Bismarcks Argumente drangen nicht durch. Bismarck stand schweigend auf, ging in sein anstoßendes Schlafzimmer und „wurde dort von einem heftigen Weinkrampf befallen“. Der Kriegsrat löste sich auf. Bismarck faßte seinen Standpunkt in einer Denkschrift zusammen und fügte an, daß er eine davon abweichende Politik nicht vertreten könne. Er drohte also mit Rücktritt. (Da Bismarck wußte, daß er in dieser Situation für den König praktisch unersetzlich war, war dies mindestens eine grobe Unhöflichkeit, wenn nicht eine unverschämte Erpressung.) Mit diesem Schriftstück ging Bismarck am nächsten Tag zum König zum mündlichen Vortrag. Der König gab nicht nach. Er warf Bismarck vor, ihn im Krieg im Stich zu lassen. Bismarcks Widerstand „führte eine so lebhafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung der Erörterung unmöglich war“. Bismarck verließ den König in der Annahme, seine Politik sei abgelehnt. In seinem Zimmer trat er ans offene Fenster. Es kam ihm der Gedanke, „ob es nicht besser sei, aus dem offenen vier Stock hohen Fenster zu fallen“. Da ging hinter ihm die Tür auf, eine Hand legte sich auf seine Schulter. Es war der Kronprinz. Er sagte: „Sie waren für diesen Krieg, ich war dagegen. Jetzt sind Sie für den Frieden. Ich werde mich bei meinem Vater für Ihren Standpunkt einsetzen.“ Nach einer halben Stunde kam der Kronprinz zurück und sagte zu Bismarck: „Es war schwer, aber mein Vater hat zugestimmt.“

Auf dem Schriftstück Bismarcks hat König Wilhelm eine Randnotiz angebracht, mit der er seine Zustimmung schriftlich festhielt. Sie lautet: „Die vollständige Erhaltung Sachsens ist mir sehr schwer geworden, weil Sachsen der Hauptanstifter des Krieges ist und ungeschmälert aus demselben hervorgeht. ... Wenn vom Besiegten nicht das zu erlangen ist, was Armee und Land zu erwarten berechtigt sind, d.h. eine starke Kriegskostenentschädigung von Österreich als dem Hauptfeind oder Landerwerb in einigem ... Umfang, ohne das Hauptziel zu gefährden, so muß der Sieger an den Toren Wiens in diesen sauren Apfel beißen und der Nachwelt das Gericht dieserhalb überlassen.“

Der oben beschrieben Vorfrieden von Nikolsburg wurde zum endgültigen Frieden zwischen Preußen und Österreich. Durch den schnellen Friedensschluß verhinderte Bismarck eine militärische Einmischung Frankreichs und kam gleichzeitig dem russischen Vorschlag zuvor, eine Konferenz der Großmächte einzuberufen.

Preußen wurde wesentlich vergrößert und schloß mit den deutschen Staaten nördlich des Mains den „Norddeutschen Bund“, in dem Preußen ein gewaltiges Übergewicht hatte. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes wurde mit einigen Änderungen 1871 zur Reichsverfassung.

6. Ende des Verfassungskonfliktes
Im September 1866 legte Bismarck dem preußischen Abgeordnetenhaus ein Gesetz vor, mit dem der Verfassungskonflikt beigelegt wurde. In diesem Gesetz anerkannte Bismarck das Haushaltsrecht des Abgeordnetenhauses und bat um Straflosigkeit (=Indemnität) für seinen Verfassungsbruch. Bismarck bat um nachträgliche Zustimmung des Abgeordnetenhauses zu allen ohne Bewilligung ausgegebenen Haushaltsmitteln. Im Abgeordnetenhaus gab es nun für diese Gesetzesvorlage Bismarcks eine Mehrheit. Ein großer Teil der liberale Fortschrittspartei stimmte zu und unterstützte von jetzt an Bismarck. Dieser Teil gründete mit den Liberalen der neuen preußischen Provinzen die Nationalliberale Partei. Der Rest der Fortschrittspartei blieb in Opposition. In der öffentlichen Meinung Deutschlands hatte sich auch unter den Liberalen ein starker Stimmungsumschwung zugunsten Bismarcks vollzogen. Der deutsche Dualismus zwischen Preußen und Österreich war einer der Hauptgründe für das Scheitern der Revolution von 1848/49 gewesen. Dieser Dualismus war nun im Sinne Preußens entschieden, eine Entscheidung, die nicht durch Frankfurter „Majoritätsbeschlüsse“, sondern nach Lage der Dinge nur „durch Eisen und Blut“ herbeigeführt werden konnte, also durch einen Krieg, den die Nationalversammlung 1848 nicht hatte führen können. Durch das Ausscheiden Österreichs aus Deutschland sahen sich die Liberalen einem deutschen Nationalstaat unter preußischer Führung einen entscheidenden Schritt nähergekommen und stimmten deshalb Bismarck zu im Sinne eines Kompromisses, eines Schrittes zu ihrem großen Ziel deutsche Einheit. Ihre weiteren liberalen Ziele hatten sie damit keineswegs endgültig aufgegeben. Ein großer Befürworter dieses Kompromisses war damals der badische Liberale Hermann Baumgarten, Professor für Geschichte an der Technischen Hochschule in Karlsruhe. Schicksalhaft für Deutschland war zum einen die Spaltung der deutschen Liberalen, was ihre politische Kraft schwächte, und zum anderen die Tatsache, daß der Weg zur Einheit Deutschlands von liberalismusfeindlichen Kräften freigekämpft wurde, ja vielleicht sogar freigekämpft werden mußte.

7. Die spanische Thronkandidatur
Die drei süddeutschen Staaten Baden, Württemberg und Bayern hatten nun eine international selbständige Existenz. Sie mußten nun befürchten, daß sie in den Einflußbereich Frankreichs gerieten, denn es war klar, daß Kaiser Napoleon eine Entschädigung haben wollte dafür, daß er den Sieg und die Machterweiterung Preußens gewissermaßen „erlaubt“ hatte. Als Entschädigung bot sich etwa an, daß Frankreich mit Zustimmung Preußens die linksrheinische Pfalz bekam, die damals zum Königreich Bayern gehörte, frei nach dem Satz: Wenn zwei Große eine Ausgleich machen, ist es mit den umliegenden Kleinen gleich aus. Um französischen Begehrlichkeiten entgegentreten zu können, schlossen die drei süddeutschen Staaten Militärbündnisse mit Preußen ab. So trafen die Forderungen Napoleons auf den Widerstand ganz Deutschlands und konnten so zurückgewiesen werden. Anders als bei der Einigung Italiens ging Napoleon jetzt leer aus, und sein Ansehen bei den Franzosen erlitt einen schweren Verlust. Es entstand der Eindruck, daß er bei Königgrätz mitgeschlagen worden sei. Daher rührt das französische Schlagwort „Revanche pour Sadowa“ („Rache für Sadowa“; Sadowa ist ein Ort in der Nähe von Königgrätz). Frankreich fand sich mit den Veränderungen in Deutschland nicht ab. Die unversöhnliche Feindschaft bestand also schon seit 1866, sie entstand nicht erst nach dem Sieg Deutschlands 1871 und nach der Annexion Elsaß-Lothringens. Seit Jahrhunderten war eine Voraussetzung der französischen Großmachtstellung, daß Frankreich nach Belieben in Deutschland einmarschieren konnte. Und damit war es jetzt auf einmal vorbei.

Bismarck war mit dem, was er erreicht hatte, vollauf zufrieden. Die Machtstellung Preußens war wesentlich sicherer als einige Jahre zuvor, und Bismarck wußte, daß auch alles hätte anders kommen können. Völlig falsch ist es, anzunehmen, Bismarck hätte seit seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten 1862 systematisch das Ziel verfolgt, innerhalb der nächsten Jahre den deutschen Nationalstaat zu gründen. Das sieht erst im Nachhinein bei oberflächlicher Betrachtung so aus. Auch nach 1866 hat Bismarck keineswegs darauf hingearbeitet, den Norddeutschen Bund zum Deutschen Reich zu erweitern. Auf keinen Fall wollte Bismarck die Süddeutschen in den Norddeutschen Bund hineinzwingen; sie sollten  von selbst kommen oder gar nicht. Der bestehende Zustand hätte also durchaus lange so bleiben können. Aber es gab eben zufällige Ereignisse, die Bismarck ausnützte, um Preußens Macht noch einmal zu vergrößern.

Ein solches Ereignis war die spanische Thronkandidatur. Auf der Suche nach einem neuen König entschieden sich 1870 die Spanier für einen katholischen Hohenzollernprinzen aus Süddeutschland. In dieser hochpolitischen Angelegenheit mußte dieser vor der Annahme erst seinen Vater fragen. Und dieser mußte König Wilhelm, den Chef des Hohenzollernfamilie, um Zustimmung bitten. König Wilhelm legte nun diese Sache seinem Ratgeber Bismarck vor.  Bismarck riet dem König, der Hohenzollenprinz könne die Krone Spaniens annehmen. In Frankreich wußte man von der Kandidatur und äußerte sich nicht dagegen. Bismarck hatte sich aber verrechnet. Kaum war bekannt geworden, ein Hohenzollernprinz werde König von Spanien werden, als in Frankreich ein Sturm der Entrüstung losbrach. Die französische Regierung  gab bekannt, sie könne nicht „dulden, daß eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setzt, dadurch zu ihrem Vorteil das gegenwärtige Gleichgewicht der Mächte Europas stören und so die Interessen und die Ehre Frankreichs gefährden könnte“. (Ludwig Reiners, Bismarck, 2. Band S. 385f.)  Da es für Frankreich um eine Sache der Ehre ging, waren Regierung und Parlament zum Krieg entschlossen. Die liberalen Zeitungen in Deutschland – und die meisten Zeitungen waren liberal – hielten diese Frage für eine dynastische und keine nationale Frage und sahen darin keinen Kriegsgrund. Der Norddeutsche Bund konnte hier keine Bündnishilfe der süddeutschen Staaten erwarten. Großbritannien, Rußland, Belgien rieten König Wilhelm, er solle den Hohenzollernprinzen zum Verzicht veranlassen. Um die diplomatische Niederlage in Grenzen zu halten, täuschte König Wilhelm öffentlich vor, die Sache ginge ihn nichts an, es sei allein Sache seiner Verwandtschaft. Heimlich riet er jedoch dringend zum Verzicht. In Spanien war man über die Kriegsgefahr so erschrocken, daß man den Thronkandidaten aufforderte zu verzichten. Der Verzicht wurde öffentlich bekanntgegeben. Damit war die diplomatische Niederlage Preußens offenkundig. Preußen hatte versucht, etwas durchzusetzen, Frankreich hatte mit Krieg gedroht, und Preußen hatte nachgegeben. In Frankreich war man begeistert über diesen Erfolg, und wollte den Sieg über Preußen noch vergrößern. König Wilhelm sollte öffentlich erklären, daß er dem Verzicht zustimme und daß auch in Zukunft niemals wieder ein Hohenzollernprinz eine solche Kandidatur annehmen werde. Da die französische Regierung diese Erklärungen so schnell wie möglich haben wollte, schickte sie den französischen Botschafter, den Grafen Benedetti, nach Bad Ems, wo der König zur Kur weilte. Benedetti war es äußerst peinlich, diese ungewöhnlichen Forderungen an ungewöhnlichem Ort vorbringen zu müssen. Aber seine Regierung drängte heftig auf Eile. So sah sich Benedetti gezwungen, den König in Bad Ems auf der Kurpromenade mit seinen Forderungen zu behelligen. Das widersprach allen diplomatischen Gewohnheiten. Der König behandelte Benedetti sehr höflich, lehnte es aber ab, die verlangten Erklärungen abzugeben. Mit dem Verzicht des Prinzen hielt er die Sache für erledigt. Als Benedetti später noch einmal um eine Unterredung nachsuchte, lehnte der König das ab. König Wilhelm ließ eine Depesche nach Berlin schicken, in der er Bismarck über die Vorgänge unterrichtete und ihn bevollmächtigte, die Vorgänge zu veröffentlichen.. Bismarck wußte inzwischen, daß die britische und die russische Regierung kein Verständnis für die neuen Forderungen Frankreichs hatte. Ähnliche Nachrichten kamen aus Süddeutschland. Das Ziel der französischen Politik war klar: Preußen sollte so gedemütigt werden, daß  bei den Süddeutschen der Eindruck entstand, Preußen habe Angst vor Frankreich und könne sie vor Frankreich nicht schützen. Dem wollte Bismarck entgegenwirken, und dazu war jetzt Gelegenheit. Jetzt hatte Frankreich von Preußen etwas verlangt, und Preußen hatte abgelehnt. So war für Preußen aus der diplomatischen Niederlage ein Sieg geworden. Bismarck kürzte die Emser Depesche des Königs, ohne den Inhalt zu verfälschen, ließ einige undiplomatische Ausdrücke des Königs weg und beendete den Text mit der Ablehnung des Königs. Bismarck veröffentlichte diese Emser Depesche; es war ihm klar, daß dies zur Kriegserklärung Frankreichs führen konnte.

Die am 13. Juli 1870 veröffentlichte Emser Depesche lautet:„Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlichen französischen Regierung von der königlichen spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an Seine Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris telegraphiere, daß Seine Majestät der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.“

In Frankreich waren Öffentlichkeit, Regierung und Parlament darauf für den Krieg. Nach einigem Zögern stimmte auch Kaiser Napoleon zu. Am 15. Juli beschloß Frankreich die Mobilmachung, am 16. der Norddeutsche Bund. Die zögernden Regierungen Württembergs und Bayerns wurden von der Volksstimmung mitgerissen. Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen und dem Norddeutschen Bund den Krieg. Napoleon hat nach dem Krieg zugegeben: „Ich erkenne an, daß wir die Angreifer gewesen sind.“ (Ludwig Reiners, Bismarck, 2. Band S. 412)

8. Der Deutsch-Französische Krieg

Auch bei diesem Krieg gelang es Bismarck, die Einmischung der anderen Großmächte zu vermeiden. Zum ersten Mal mußte Frankreich einen Krieg gegen das vereinigte Deutschland führen, und zum ersten Mal fand dieser Krieg nicht auf deutschem Boden, sondern in Frankreich statt. Unter der Führung Moltkes schloß das deutsche Heer das französische Heer, bei dem sich auch Kaiser Napoleon befand, bei Sedan ein. Am 2. September 1870 kapitulierte Napoleon und begab sich in Gefangenschaft. (In Deutschland gab es große Begeisterung. Zum ersten Mal hatte man als geeintes Volk Frankreich besiegt. In der Kaiserzeit wurde der „Sedanstag“ jedes Jahr gefeiert, als sei Deutschland Fußballweltmeister geworden.) In Paris wurde darauf die Republik ausgerufen, die weiterkämpfte. Das war Bismarck unangenehm, denn er wollte ein schnelles Ende des Krieges. Paris wurde belagert. Die Republik kapitulierte am 28. Januar 1871. Es gab einen Waffenstillstand. Am 26. Februar wurde im deutschen Hauptquartier in Versailles der Vorfriedensvertrag unterzeichnet. (Er ist identisch mit dem im Mai abgeschlossenen endgültigen Frieden.) Frankreich mußte Elsaß-Lothringen an Deutschland abtreten und 5 Milliarden Franken Kriegsentschädigung bezahlen. (Das war relativ wenig verglichen mit dem, was Napoleon nach den preußischen Niederlage 1807 aus Preußen herausgepreßt hatte.) Im Januar 2003 hielt Bundeskanzler Gerhard Schröder in Versailles eine Rede zum 40. Jahrestag des Elysee-Vertrags. Dabei sagte er: „Dem entsprechenden Diktatfrieden von 1871 folgte beinahe zwangsläufig jener von 1919.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Januar 2003) Dazu ist zu sagen, daß 1871 (anders als 1919) Deutschland die Franzosen nicht zwang, ihre Alleinschuld am Krieg anzuerkennen, Deutschland Napoleon, die französischen Politiker Offiziere nicht als Verbrecher verurteilen wollte, daß Deutschland die Franzosen nicht als Komplizen von Verbrechern beschimpfte und daß Deutschland auch nicht durch unbegrenzte Reparationsforderungen Frankreich für immer wirtschaftlich niederhalten wollte. Solche Verrücktheiten lagen Bismarck völlig fern, das brachten nur die demokratischen Politiker von 1919 fertig. (Siehe das Kapitel „Versailles“)

9. Die Kaiserproklamation
In derselben Rede sagte Bundeskanzler Schröder auch, König Ludwig II. von Bayern habe damals  einen "Auftritt in Versailles" gehabt und habe Wilhelm „hier, im Spiegelsaal, die deutsche Kaiserkrone“ angetragen. Dazu ist zu sagen: Es waren viele regierende Fürsten in Versailles dabei, aber König Ludwig II. nicht. Er ließ sich durch seinen Bruder Otto vertreten. Es gab in Versailles auch keine „Kaiserkrone“, es gab nur eine Kaiserproklamation.

Wie war es dazu gekommen? Nach der Schlacht bei Sedan begannen Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten. Im November traten durch Bundesverträge die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund bei, der dadurch den Namen Deutsches Reich erhielt. Bismarck erreichte es, daß König Ludwig II. von Bayern an König Wilhelm einen Brief schrieb, in dem er ihm namens der deutschen Fürsten und Freien Städte die deutsche Kaiserwürde anbot. Ludwig hatte einen  Gesandten nach Versailles geschickt, er verlangte von Bismarck für seine Zustimmung zur Kaiserwürde Wilhelms eine große Geldsumme. Ludwig war wegen seiner Bauwut (Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof) immer in Geldnot. Bismarck sagte zu. Das Geld nahm er aus einer schwarzen Kasse. Bismarck bat, Ludwig solle in einem Brief Wilhelm die Kaiserwürde anbieten. Der bayrische Gesandte schlug vor, Bismarck solle diesen Brief selbst schreiben und ihm mitgeben. Der Gesandte brachte den Brief zu Ludwig, der unterschrieb ihn, und der Gesandte brachte ihn wieder nach Versailles. Auch ein Abordnung des Reichstags des Norddeutschen Bundes kam nach Versailles und bat Wilhelm, die Kaiserwürde anzunehmen. Diese Abordnung war das einzige demokratische Element bei der Kaiserproklamation. Die Abordnung wurde von Eduard Simson angeführt, der schon im April 1849 als Präsident der deutschen Nationalversammlung König Friedrich Wilhelm IV. vergeblich die Kaiserkrone angeboten hatte. Als Tag der Kaiserproklamation wählte man den 18. Januar. (An diesem Tag war 1701 der Kurfürst von Brandenburg zum König in Preußen gekrönt worden.) König Wilhelm war nicht begeistert von der neuen Kaiserwürde, vielleicht hatte er das Gefühl, daß Preußen sich mit dieser Macht übernehme. Bismarck lag wieder einmal in heftigem Streit mit Wilhelm. Auch der Titel war bis zur Proklamation unklar: Deutscher Kaiser oder Kaiser von Deutschland?  Am Tag der Proklamation versammelten sich im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles Fürsten, Generäle, Abgeordnete und Abordnungen der Truppen. König Wilhelm stand erhöht auf einem Podest. Ein Feldgeistlicher hielt eine Predigt mit Gebet, Bismarck las die Proklamation vor. Großherzog Friedrich von Baden (Wilhelms Schwiegersohn) trat dann vor und rief: „Hoch lebe Kaiser Wilhelm!“ Damit war er geschickt allen Titelstreitigkeiten ausgewichen. Anschließend ging der neue Kaiser zu den Fürsten und hohen Offizieren und schüttelte ihnen die Hand. Bismarck überging er.     

 

 

         

      

 

  

 

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