revolution1918


 Herbst 1918:  Revolution in Deutschland

1) Deutschland m letzten Kriegsjahr 1918

2) Der Waffenstillstand vom 9. November 1918

3) Die Revolution

I. Deutschland im letzten Kriegsjahr 1918

Zu Beginn des Kriegsjahres 1918 schien die Kriegslage für Deutschland günstig. An der Ostfront hatte man gesiegt. Im März wurde mit der revolutionären bolschewistischen Regierung Russlands der Frieden von Brest-Litowsk geschlossen, in dem die russische Grenze weit nach Osten verschoben wurde. Die aus dem russischen Staatsverband ausgeschiedenen neuen Staaten (Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen) blieben von deutschen Truppen besetzt; Deutschland hoffte, diese Staaten in Zukunft in Abhängigkeit halten zu können.

Im Westen waren Belgien und große Teile von Nordostfrankreich seit Kriegsbeginn 1914 von deutschen Truppen besetzt. Die deutsche Führung im deutschen Hauptquartier in Spa (Belgien) hoffte nun, mit einer neuen Offensive auch im Westen den Sieg erzwingen zu können. Dies verhinderten die Vereinigten Staaten, die April 1917 auf die Seite der deutschen Kriegsgegner getreten waren und im Jahre 1918 immer mehr Truppen und Material an der Westfront gegen Deutschland einsetzten. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte in mehreren großen Reden im Jahre 1918 deutlich gemacht, daß die USA einen deutschen Sieg mit allen Mitteln verhindern würden. Dabei hatte er auch ein Programm für den Weltfrieden vorgestellt, dessen Durchsetzung nach dem Kriege einen dauerhaften Weltfrieden sichern sollte. Grundlage dieses Weltfriedens sollte die demokratische Staatsform sein, die in allen Staaten durchgesetzt werden sollte. Wilson glaubte, daß Demokratien friedliebend seien und internationale Konflikte völlig gerecht beilegen könnten. Aggressiv und kriegerisch seien nur nichtdemokratische Regierungen, sie seien abzuschaffen. Besonders heftig wandte er sich in seine Reden gegen die undemokratische deutsche Führung, der er vorwarf, allein dafür verantwortlich zu sein, daß dieser Krieg immer noch andauerte und ein gerechter Frieden verhindert wurde.

Die Verfassung des Deutschen Reiches war nicht demokratisch, schon gar nicht in   unserem Sinne. Sie war aber auch keine totalitäre Diktatur. Die wichtigste Institution der Verfassung war der Bundesrat, in dem sich die Gesandten der Fürsten der deutschen Teilstaaten trafen, und in diesem Bundesrat hatte der König von Preußen, der auch Kaiser war, den größten Einfluß. (Preußen war mit Abstand der größte deutsche Teilstaat.) Und diese Fürsten waren durch Geburtsrecht, nicht durch demokratische Wahl, auf ihre Throne gekommen. Neben dem Bundesrat gab es einen demokratisch gewählten Reichstag mit Volksvertretern, die unterschiedlichen Parteien angehörten. Auf die Außenpolitik hatte der Reichstag keinen Einfluß. Die Kriegserklärungen hatte der Kaiser im August 1914 abgegeben, ohne daß der Reichstag damit befaßt war. Einfluß gab es für den Reichstag in der Innenpolitik: Reichsgesetze mußten vom Reichstag mit Mehrheit beschlossen werden und jedes Jahr mußte der Reichstag den Reichshaushalt beschließen. Nach den Kriegserklärungen des Kaisers mußte der Reichstag also die Finanzierung des Krieges bewilligen. Wie in allen kriegführenden Staaten wurde der Krieg durch Kredite finanziert. Der Reichstag konnte also theoretisch durch Verweigerung der Kriegskredite verfassungsrechtlich die deutsche Kriegführung stoppen und somit die deutsche Niederlage und den Sieg der Feinde beschließen. Das war unmöglich, und so stimmte in jedem Kriegsjahr der Reichstag mit großer Mehrheit den Kriegskrediten zu, auch die Abgeordneten der SPD, der größten Reichstagsfraktion. Einen Einfluß auf die Kriegführung und die deutschen Kriegsziele hatte der Reichstag aber nicht.

Der Kaiser ernannte den Reichskanzler, der ihn bei politischen Entscheidungen beriet. Auf den Reichskanzler hatte der Reichstag keinen Einfluß, er konnte ihn nicht aus dem Amt verjagen. Der Reichskanzler war nur dem Kaiser, nicht dem Reichstag verantwortlich. Für militärische Dinge ernannte der Kaiser den Chef des Generalstabes, der mit dem Reichstag nichts zu tun  hatte. Der Generalstab hieß im Krieg Oberste Heeresleitung (OHL). Im Jahre 1916 ernannte der Kaiser eine neue Führung der OHL: Chef der OHL wurde Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der zweite Mann hinter ihm wurde Generalquartiermeister Erich Ludendorff. Bei Kriegsausbruch war Hindenburg schon 67 Jahre alt und im Ruhestand. Der Kaiser berief ihn  wieder in den Dienst und ernannte ihn zum Oberbefehlshaber der Ostfront. Hindenburg folgte dem Ruf des Vaterlandes sofort. Leider. Er wäre besser zu Hause geblieben. Er lebte noch 20 Jahre und spielte in diesen Jahren für Deutschland eine wichtige, aber sehr schädliche Rolle. Er verlor als Oberbefehlshaber den Weltkrieg, und trotzdem wählten die Deutschen 1925 ihn, den Monarchisten,  zum Reichspräsidenten der Republik und 1932 sogar aus Ratlosigkeit, um Hitler zu vermeiden, sogar noch ein zweites Mal. Den größten Schaden fügte er Deutschland zu, als er 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte und diesen Mann dann  widerstandslos gewähren ließ.

Woher kam das Vertrauen der Deutschen in diesen alten Mann? Am Anfang seiner Alterskarriere stand bald nach Kriegsausbruch 1914 ein glänzender Sieg an der Ostfront, den Hindenburg zusammen mit seinem Stellvertreter Ludendorff gegen die Russen errang. Langfristig war dieser Sieg aber sehr schädlich für Deutschland. Ganz Deutschland war nämlich seitdem begeistert von diesen beiden Helden, und alle Deutschen erwarteten nun ab 1916, daß dieses Traumpaar einen ähnlichen Sieg im Westen erringen würde. Hindenburg und Ludendorff waren auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Der Kaiser folgte regelmäßig ihren Ratschlägen, Warnungen des Reichskanzlers wurden vom Kaiser ignoriert. Der Reichskanzler Bethmann Hollweg trat deshalb zurück und überließ damit den Generälen praktisch das Feld. Der neue Reichskanzler hatte keinen Einfluß mehr.

Heute wissen wir, daß die beiden eine Fehlbesetzung waren. Sie haben den Krieg verloren. Das war ähnlich wie bei der Fußballweltmeisterschaft 1966 in England. Damals schoß Lothar Emmerich beim Sieg gegen Spanien ein Traumtor, und alle Deutschen waren begeistert. Trainer Helmut Schön gab Emmerich deswegen im Endspiel den Vorzug vor Albert Brülls. Emmerich war im Endspiel aber ein Ausfall, und deshalb ging das Endspiel verloren. (Mit Emmerichs Karriere war anschließend Schluß. Hindenburgs Karriere begann aber erst richtig, nachdem er den Weltkrieg verloren hatte.)  

In der OHL war Ludendorff der fleißigste und tüchtigste. Er arbeitete Pläne für Vorstöße oder Rückzüge bis ins Einzelne aus. War er mit einem Vorschlag fertig, ging er zu seinem Chef Hindenburg . Dieser konnte so viel Energie wie der viel jüngere Ludendorff nicht mehr aufbringen. Hindenburg hörte sich den Vortrag seines Stellvertreters an, und da ihm auch nichts besseres einfiel, stimmte er zu. Anschließend gingen beide zum Kaiser. Dort trug Hindenburg den Plan Ludendorffs als seinen eigenen vor. Der Kaiser war tief beeindruckt von der Weisheit Hindenburgs, und weil ihm auch nichts besseres einfiel, wurden aus den Konzepten Ludendorffs Befehle des Kaisers. Ludendorff war damals praktisch der mächtigste Mann im Deutschen Reich, und fast niemand wußte es. Die OHL arbeitete sogar innenpolitische  Konzepte für die Rüstungsindustrie und den Einsatz von Arbeitskräften aus. (In Deutschland herrschte damals große Not; fast alle Waren, vor allem Lebensmittel und Rohstoffe, waren staatlich kontrolliert und rationiert.) Die innenpolitischen Konzepte der OHL gingen an den Kaiser, von dort zum Reichskanzler. Der legte sie  dann dem Reichstag vor, und der machte sie dann ohne viel Widerspruch zu Gesetzen, da ihm auch nichts besseres einfiel. Ganz Deutschland vertraute der Vater- oder besser Großvaterfigur Hindenburgs. Er sollte den Sieg bringen. Und wenn er auf dem Weg zum Sieg eine Maßnahme für nötig hielt, wagte niemand, weder Kaiser noch Reichskanzler noch Reichstag, ihm in den Arm zu fallen. Und hinter Hindenburg stand der wenig bekannte Ludendorff. So wurde das Deutsche Reich nicht verfassungsrechtlich, aber praktisch von der militärischen Führung der OHL regiert.    

11.01.2007   

 


2. Der Waffenstillstand vom 11. November 1918

 

Ende September 1918 rang sich Erich Ludendorff, der zweite Mann der OHL und heimliche Beherrscher Deutschlands, zu einigen schwerwiegenden Erkenntnissen durch:
Der Krieg ist verloren. Jederzeit muß mit dem Zusammenbruch der Front gerechnet werden. Deshalb müssen die Feinde, am besten über den amerikanischen Präsidenten Wilson, sofort um Waffenstillstand gebeten werden. Deutschland nimmt das Friedensprogramm Wilsons an und erklärt sich bereit, einen Frieden auf dieser Grundlage abzuschließen. Da Wilson die undemokratische Führung Deutschlands ablehnt und an ihrer Stelle eine demokratische Regierung verlangt, muß diese Bitte um Waffenstillstand und Frieden von einem neuen Reichskanzler ausgehen, der eine Mehrheit des Reichstages hinter sich hat und dessen Regierung aus Mitgliedern dieser Reichstagsmehrheit besteht.

Dramatisch und sensationell waren daran mehrere Dinge: Urplötzlich gab Ludendorff den Krieg verloren. Der Krieg mußte sofort beendet werden (hier täuschte sich Ludendorff, und das war ein schwerer Fehler). Der Reichskanzler brauchte das Vertrauen der Mehrheit des Reichstages. Der Kaiser konnte also nur noch einen Reichskanzler ernennen, der diese Mehrheit des Reichstages hinter sich hatte. Mitglieder der Parteien des Reichstages bildeten die Regierung. Die Politik der Reichsregierung wurde im Reichstag und in der Öffentlichkeit diskutiert. Der Reichskanzler mußte seine Politik nach seiner Reichstagsmehrheit ausrichten. Im Reichstag konnte jederzeit ein Antrag gestellt werde, dem Reichskanzler das Mißtrauen auszusprechen. Fand dieser Antrag eine Mehrheit, mußte der Reichskanzler zurücktreten. Da die Entscheidungen des Kaisers und der OHL vom Reichskanzler im Reichstag verantwortet werden mußten, war auch die Politik des Kaisers und die OHL indirekt von der Reichstagsmehrheit abhängig. Damit war ein schwerwiegender Umbau der Verfassung des Kaiserreiches verbunden. Die Veränderungen hingen vor allem an einem Satz, der in die Verfassung aufgenommen werden mußte: „Der Reichskanzler braucht zu seiner Amtsführung das Vertrauen des Reichstags.“  Das bedeutete aber nicht, daß der Reichstag den Reichskanzler wählte. Es bedeutete nur, daß der Reichstag durch Mehrheitsbeschluß den vom Kaiser ernannten Reichskanzler stürzen konnte. Das mußte der Kaiser bei der Ernennung des Reichskanzlers berücksichtigen. Man nannte das „die Parlamentarisierung der Reichsverfassung“.   

Als Ludendorff in Spa seinem Chef Hindenburg diese schwerwiegenden Vorschläge machte, stimmte dieser wie üblich schnell zu. Am nächsten Tag, am 29. September 1918, trugen beide Offiziere ihre Vorschläge dem Kaiser vor. Der Kaiser war zwar sehr erstaunt, aber er stimmte ohne lange zu zögern zu. Es lief alles ab, wie Ludendorff sich das vorgestellt hatte. Der amtierende unbedeutende Reichskanzler trat sofort zurück, der Kaiser bestellte den Prinzen Max von Baden, einen Verwandten des badischen Großherzogs, aus Salem zu sich. Max von Baden galt als ein Mann mit liberalen Ansichten, und der Kaiser beauftragte ihn, als Reichskanzler mit den großen Parteien des Reichstags eine neue Reichsregierung zu bilden. Als Max von Baden vom Kaiser erfuhr, daß er als Reichskanzler als erste Maßnahme die Feinde um sofortigen Waffenstillstand bitten solle, lehnte er entsetzt das Amt ab. Wie allen war auch ihm klar, daß eine solche Bitte überall als Eingeständnis der Niederlage aufgefaßt werden mußte. (Wichtig für diese und die folgenden Ereignisse sind die Erinnerungen des Prinzen Max von Baden.)  Kaiser Wilhelm überredete aber seinen Cousin, diese schwere Aufgabe als Dienst am Vaterland zu übernehmen. Als in Berlin den Partei- und Fraktionsführern des Reichstages die Nachrichten aus Spa mitgeteilt wurden, brach großes Entsetzen aus vor allem über das Eingeständnis der Niederlage. Obwohl jeder, der wollte, schon längst erkennen konnte, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, hatte man sich doch allzu gerne Illusionen hingegeben und die bitteren Erkenntnisse verdrängt. (Ähnlich ging es dem ganzen deutschen Volk.) Die vorgesehene Parlamentarisierung der Reichsverfassung erfüllte zwar alte Forderungen der meisten Reichstagsparteien. Aber ausgerechnet jetzt, wo es galt, die Niederlage zu verantworten, hatten sie verständlicherweise keine Lust, die Regierung zu bilden. Erst der Hinweis, daß nur mit einer demokratischen Regierung trotz der Niederlage ein maßvoller Wilson-Frieden möglich sei, veranlaßte sie, die schwere Verantwortung zu übernehmen. So bildeten mit dem Reichskanzler Prinz Max von Baden drei große demokratische Parteien die neue Regierung: die SPD, das Zentrum (die Partei der deutschen Katholiken) und die liberale Fortschrittspartei. Diese drei Parteien hatten eine klare Mehrheit im Reichstag, und Mitglieder dieser Parteien rückten als Staatssekretäre in die neue Regierung ein. Die vorgesehenen Verfassungsänderungen  wurden auf die Tagesordnung der nächsten Sitzungen des Bundesrates und des Reichstages gesetzt und dort dann beschlossen.  

Als erste Amtshandlung schickte die neue Reichsregierung vor allem auf Druck Ludendorffs am 4. Oktober 1918 die verhängnisvolle Bitte um Waffenstillstand an Präsident Wilson ab. Sie erklärte außerdem, daß sie das Friedensprogramm Wilsons annehme, und bat den Präsidenten, Friedensverhandlungen auf der Grundlage dieses Friedensprogramms einzuleiten.
Üblicherweise ist es nun so: Kriegführende Parteien können einen Waffenstillstand vereinbaren. Die Armeen bleiben dann in ihren Stellungen, die sie am letzten Kampftag hatten. Haben anschließende Friedensverhandlungen Erfolg, ist der Krieg zu Ende. Scheitern sie, geht der Kampf da weiter, wo er aufgehört hat.
In diesem Fall aber ging alles ganz anders. Die Feinde erkannten Deutschlands Schwäche und nützten das aus. Die Verhandlungen über den Waffenstillstand zogen sich bis Anfang November hin, ohne daß die deutsche Front zusammenbrach. Die Verhandlungen zwischen der deutschen Regierung und Wilson wurden schriftlich auf dem Telegrammweg geführt. Wilson stimmte seine Antworten mit seinen Verbündeten ab und wurde so zum Sprecher aller Feinde Deutschlands. In seiner ersten Antwort stellte Wilson eine schwere Bedingung für den Abschluß eines Waffenstillstandes: Deutschland mußte sofort überall seine Truppen aus den besetzten Gebieten zurückziehen. (Damit waren die deutschen Chancen für eine Wiederaufnahme des Kampfes wesentlich verschlechtert.) Außerdem fragte Wilson mißtrauisch, für welche „Gewalten des Reiches“ die neue Regierung spreche. In ihrer Antwort erklärte sich die Reichsregierung mit einer Räumung der besetzten Gebiete einverstanden; außerdem betonte sie, daß sie im Namen des deutschen Volkes spreche und von der großen Mehrheit des Reichstages getragen sei.

(Diese Einmischung Wilsons in die inneren Angelegenheiten Deutschlands hatte fatale Folgen. Wilson argwöhnte zu Recht, hinter der neuen deutschen Regierung steckten immer noch die alten militaristischen Gewalten des Reiches. Um nun dieses Mißtrauen Wilsons zu beseitigen, hielt die neue Reichsregierung streng geheim, daß die neue Regierung und die Bitte um Waffenstillstand auf die Initiative der OHL zurückging. Das hatte später fatale Folgen. Als das wehrlose Deutschland im Juni 1919 einen harten, unerträglichen Frieden unterzeichnen mußte,  kam in Deutschland die Frage auf, wer dafür verantwortlich sei. Da verfestigte sich dann der falsche Eindruck, daß Anfang Oktober 1918 die demokratischen Politiker, diese „Weichlinge und Feiglinge“, sich irgendwie an die Macht geschlichen hätten, den starken Männern der OHL das Heft aus der Hand genommen hätten und gegenüber den Feinden kapituliert hätten und damit den tapfer im Feindesland kämpfenden deutschen Soldaten in den Rücken gefallen seien. Als die Demokraten dann mit Tatsachen diese falschen Behauptungen widerlegten, glaubten ihnen viele einfach nicht, weil viele Leute Tatsachen, die ihnen nicht in den Kram passen, einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Der Knoten zur später so genannte „Dolchstoßlegende“ wurde also schon Anfang Oktober 1918 mit Hilfe Wilsons geschürzt.)

Zurück zu den Waffenstillstandsverhandlungen:
Im Namen seiner Verbündeten teilte Wilson folgendes mit: Wenn das deutsche Volk einen Waffenstillstand haben wolle und einen Friedensschluß gemäß dem Friedensprogramm Wilsons, müsse es Beweise seiner Friedensliebe und geänderten Gesinnung erbringen und (neben einigen anderen) vor allem eine Bedingung erfüllen: Es müsse für Deutschland unmöglich sein, nach dem Waffenstillstand den Kampf wiederaufzunehmen. Außerdem würde ein Rücktritt des Kaisers einen gerechten und fairen Frieden erleichtern. Als diese schwerwiegenden Bedingungen gestellt wurden, verlangte Ludendorff, die Verhandlungen abzubrechen und den Kampf fortzusetzen. Da setzte Max von Baden beim Kaiser die Entlassung Ludendorffs durch. Max von Baden war für Annahme dieser schweren Bedingungen. Ihm war von Anfang an klar gewesen, daß die deutsche Bitte um Waffenstillstand den Deutschen die letzte Kampfbereitschaft nehmen würde. In Deutschland gab es damals eine schwere Hungersnot, verschlimmert durch eine Grippewelle, die auf der ganzen Welt zwischen 20 und 60 Millionen Opfer forderte. Als Wilsons Forderung nach Rücktritt des Kaisers im deutschen Volk bekannt wurde, meinten die meisten Deutschen, Wilhelm müsse dieses Opfer bringen, um einen erträglichen Frieden zu ermöglichen. Kaiser Wilhelm lehnte aber einen Rücktritt ab. Dies vor allem führte zum Ausbruch der Revolution Ende Oktober 1918. (Darüber mehr im nächsten Kapitel.)  Nachdem Deutschland alle gestellten Bedingungen erfüllt hatte, kam es am 5. November zwischen Deutschland und seinen Feinden zu einem Abkommen mit dem Inhalt, der Waffenstillstand könne unterzeichnet werden und der anschließende Friedensvertrag werde auf der Grundlage des Friedensprogramms Wilsons geschlossen werden. Zur Unterzeichnung des Waffenstillstandes schickte die  deutsche Regierung eine Delegation ab. Um friedlich zu erscheinen, führte die deutsche Delegation nicht wie sonst üblich ein General, sondern ein ziviles Regierungsmitglied: Matthias Erzberger von der Zentrumspartei. Während die deutsche Delegation durch die Fronten hindurch ins Feindesland unterwegs war, erreichte die Revolution in Deutschland die Hauptstadt Berlin. Der Kaiser wurde gestürzt und der Reichskanzler Prinz Max von Baden trat zurück. Am 11. November wurde in Compiegne der Waffenstillstand abgeschlossen. Die Bedingungen waren noch härter, als man vermutet hatte: Deutschland mußte nicht nur die besetzten Gebiete räumen, sondern auch das gesamte deutsche Gebiet links des Rheines. Diese deutschen Gebiete wurden von den Feinden besetzt. Transportmittel und alle schweren Waffen mußten intakt zurückgelassen werden. Die deutschen Kriegsschiffe mußten ausgeliefert werden. In Ostmitteleuropa mußten die deutschen Truppen auf die Reichsgrenze zurückgezogen werden. Die (völkerrechtswidrige) Blockade der deutschen Häfen durch die britische Flotte (Hauptursache der großen Hungersnot in Deutschland) blieb bestehen. Der Waffenstillstand galt nur für 36 Tage und mußte anschließend neu ausgehandelt werden. Als Matthias Erzberger aus Compiegne telegraphisch in Berlin anfragte, ob er unterzeichnen solle, stimmte der neue Reichskanzler Friedrich Ebert zu. Hindenburg, immer noch Chef der OHL, erklärte, Deutschland könne den Kampf nicht weiterführen, und stimmte ebenfalls der Unterzeichnung zu. So kam es in den nächsten Tagen zu einer grundlegenden Veränderung der Machtlage in Europa: Deutschland, das bis dahin Truppen von Nordfrankreich bis zur Westgrenze Rußlands  gehabt hatte, war nun völlig wehrlos. (In den in Osteuropa geräumten Gebieten brachen sofort neue Kämpfe aus.) Das einzige, was Deutschland hatte, war das Wort der Siegermächte, mit Deutschland einen fairen und gerechten Frieden gemäß dem Friedensprogramm Wilsons abzuschließen. Daß diese sich dann an ihr gegebenes Wort nicht hielten, hatte für  ganz Europa schwerwiegende Folgen.     

 

( Dazu: Sebastian Haffner, 1918/19  Eine deutsche Revolution, Rowohlt Taschenbuch  1979
Dokumente der deutschen Politik und Geschichte, 2. Band hg. von Johannes Hohlfeld)

 

3. Die Revolution

 Die Hauptursache für die Revolution, die im Herbst 1918 in Deutschland ausbrach, war der verlorene Krieg. Eine zweite wichtige Ursache waren die Einmischungen des amerikanischen Präsidenten Wilson in die inneren Angelegenheiten Deutschlands. In seinen Reden hatte er wiederholt erklärt, daß die undemokratische deutsche Führung das Haupthindernis für einen gerechten Weltfrieden sei. Diese Forderung Wilsons trug vor allem dazu bei, daß im Oktober 1918 die Reichsverfassung reformiert wurde: Die Reichsregierung wurde vom Reichstag abhängig (siehe oben das Kapitel: Der Waffenstillstand vom 11. November 1918).

Vor allen Revolutionen steht am Anfang der Versuch der herrschenden Kräfte, durch Verfassungsreform Schlimmeres zu verhindern. Und bei allen Revolutionen führte diese Verfassungsreform nicht zur Stabilisierung, sondern bewies nur die Schwäche des Systems.

Während  der Waffenstillstandsverhandlungen Wilsons mit der neuen deutschen Regierung erklärte Wilson am 23. Oktober, ein  fairer und gerechter Frieden mit dem deutschen Volke sei nicht möglich, solange Kaiser Wilhelm II. regiere. Wilson verlangte nicht die Abschaffung der Monarchie, er wandte sich nur gegen die Person Wilhelms II. (Wilson hielt keineswegs Monarchien grundsätzlich für undemokratisch, schließlich war ja auch das mit den USA verbündete Großbritannien eine Monarchie.)  Diese Kritik Wilsons am Kaiser hatte im deutschen Volk eine ungeheuere Wirkung. Die Stellung des Kaisers wurde massiv geschwächt. Überall wurde nun die Forderung erhoben, Kaiser Wilhelm solle zurücktreten, um einen gerechten Wilson-Frieden zu ermöglichen. (Der Kaiser reiste damals aus Berlin ab und begab sich zum Oberkommando nach Spa, wo er sich im Kreise seiner Offiziere wohler fühlte.) Der Beitrag Wilsons zur Revolution, die Ende Oktober ausbrach, wird in den historischen Darstellungen dieser Ereignisse meist völlig übergangen. Wilson stellte das deutsche Volk vor die Alternative: fairer Verhandlungsfrieden, wenn der Kaiser zurücktrat, oder Kapitulation und Friedensdiktat, wenn er im Amte blieb. Der Kaiser wurde ja dann gestürzt und damit die Forderung Wilsons erfüllt. Aber die Feinde Deutschlands erfüllten dann  ihr Versprechen auf einen gerechten Frieden nicht. Diese Zusammenhänge muß man aber kennen, wenn man die folgende Revolution und die Haltung des deutschen Volkes zum Frieden von Versailles und zur Republik richtig beurteilen will.

 

Bei den deutschen Offizieren herrschte damals noch eine Vorstellung von Offiziersehre, die uns heute altmodisch erscheint: Es galt als Schande zu kapitulieren, ohne vorher bis zum letzten gekämpft zu haben. Seit Anfang Oktober, als die deutsche Bitte um Waffenstillstand bekannt geworden war, waren die deutschen hohen Offiziere wie geschockt und gelähmt. Die meisten Deutschen und vor allem die einfachen Soldaten sehnten sich dagegen nach dem Ende des Krieges; für sie dauerten die Waffenstillstandsverhandlungen viel zu lange.

In der deutschen Marineleitung hielt man es nun für unehrenhaft, kampflos zu kapitulieren und am Ende gar noch die stolze deutsche Kriegsflotte unversehrt den Feinden ausliefern zu müssen. Man zog es vor, im Kampfe zu sterben, und die einfachen Matrosen hatten gefälligst mitzusterben. So gab die Marineleitung Ende Oktober den Befehl, die deutschen Kriegsschiffe sollten in die Nordsee auslaufen zur Seeschlacht gegen die britische Flotte. Dieser militärisch sinnlose Befehl wurde vor dem Kaiser und der neuen Reichsregierung geheimgehalten. Er wäre dort niemals genehmigt worden, denn er widersprach ja den laufenden Verhandlungen um den Waffenstillstand. Praktisch war dieser Befehl eine Meuterei der Marineleitung gegen den Kaiser und die Reichsregierung. Antidemokratische und reaktionäre Kräfte gaben also den Anlaß für die Matrosenmeuterei, die zu einer Revolution wurde.

 

Als nämlich am 30. Oktober die Kriegsschiffe zum Kampfe auslaufen sollten, meuterten in den Kriegshäfen Kiel und Wilhelmshaven auf mehreren Kriegsschiffen die Matrosen. Sie hatten keine Lust, kurz vor Ende des Krieges den Heldentod zu sterben. Sie ahnten, daß dieser Befehl gegen die Reichsregierung gerichtet war, die viele, da die SPD als stärkste Partei beteiligt war, durchaus als eine Regierung empfanden, die ihnen nahestand.

 

Das Ergebnis der Meuterei war, daß die Marineleitung den Befehl zum Auslaufen zurücknahm. Allerdings saßen mehrere hundert Matrosen in den zwei Hafenstädten wegen Meuterei in den Gefängnissen. Ihnen drohte Kriegsgericht und Todesstrafe. Zehntausende Matrosen wollten nun, glücklich über den Erfolg, diejenigen Kameraden nicht im Stich lassen, denen sie den Erfolg vor allem verdankten. In Kiel verlangten die Matrosen die Freilassung der Verhafteten. Als das abgelehnt wurde, demonstrierten die Matrosen in der Stadt; Arbeiter schlossen sich an. Am 4. November wählten die Matrosen auf den Kriegsschiffen Soldatenräte, setzten ihre Offiziere ab, bewaffneten sich und gingen an Land. Dort trafen sie auf keinen Widerstand. Sie befreiten ihre gefangenen Kameraden, übernahmen die Macht in den militärischen und zivilen Dienststellen und besetzten die öffentlichen Gebäude. Am Abend des 4. November waren in  Kiel die zivilen und militärischen Dienststellen in der Hand eines Arbeiter- und Soldatenrates. In Kiel hatte eine richtige friedliche Revolution stattgefunden. Am selben Abend traf der SPD-Reichstagsabgeordnete Gustav Noske als Abgesandter der Reichsregierung in Kiel ein; er wurde von den Matrosen begeistert begrüßt.

Am nächsten Tag setzten sich Matrosen in Züge und fuhren in die Nachbarstädte, um die Revolution auszubreiten. Überall wählten die örtlichen Soldaten und Arbeiter einen Arbeiter- und Soldatenrat. Oft wurden im Rahmen einer Demonstration im Freien stadtbekannten Funktionäre der SPD und USPD spontan durch Akklamation gewählt. Sie übernahmen die gesamte Staatsgewalt. Die bisherigen militärischen und zivilen Amtsinhaber resignierten ohne Gegenwehr; von höheren Dienststellen oder vom Kaiser war nichts zu hören und zu sehen. Wie ein Flächenbrand breitete sich in den ersten Novembertagen diese Revolution in Deutschland aus.

Was aber, wenn diese Revolutionswelle Berlin erreichte?

 

Die sozialistische Bewegung war damals in Deutschland gespalten. Unter dem Einfluß der russischen Februarrevolution 1917 hatte sich im April 1917 ein kleiner Teil der SPD-Reichstagsfraktion als Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) von der SPD abgetrennt.

In der marxistischen USPD herrschten folgende Ansichten: Deutschland ist ein voll entwickelter Industriestaat, in dem nun gemäß der Lehre von Karl Marx das Proletariat die Macht übernimmt. So kann die Macht der Kapitalistenklasse gebrochen und das gesamte Volk in eine neue Gesellschaft geführt werden. Die Form, mit der das Proletariat seine Macht ausübt, sind Arbeiterräte, an deren Wahl alle Angehörigen der Unterschichten mitwirken können, in Kriegszeiten selbstverständlich auch die einfachen Soldaten, also Arbeiter- und Soldatenräte. Nur in diesen bisher unterdrückten Unterschichten gibt es den reinen, wahren Volkswillen, der Voraussetzung ist für die Schaffung der neuen Gesellschaft. Gewinnsucht, Egoismus, Neid, Haß und andere schlechte Eigenschaften gibt es in den unteren Schichten nicht.  Ausgegrenzt sind alle, die nicht an den Sozialismus und Kommunismus glauben, Leute mit „falschem Bewußtsein“, also Angehörige der bisherigen höheren Klassen, wie Fabrikbesitzer, Großgrundbesitzer, Reiche, Adlige, Offiziere, Geistliche usw., zusammengefaßt die „Bourgeoisie“, es sei denn, diese Leute bekehren sich jetzt zu den proletarischen Zielen. Würde man diese Leute mit dem „falschen Bewußtsein“ mitwirken lassen, würde der reine, saubere Volkswillen, der nur im Proletariat zu Hause ist, verfälscht werden. Da das Proletariat immer das Reine, Wahre, Gute und Richtige für alle will, wollen alle Angehörigen des Proletariats dasselbe, es gibt unter ihnen vollständige Interessenidentität, keine Interessengegensätze, die ja aus dem Egoismus kommen, den es im Proletariat nicht gibt. Alle Arbeiter- und Soldatenräte haben überall und immer einen identischen Willen. Angst vor Machtmißbrauch gibt es hier nicht. Gewaltenteilung ist nicht nötig. Die Räte sind also Inhaber der gesamten Staatsgewalt. Sie sind identisch mit dem gesamten Volk (=Proletariat), und das Volk kann sich nicht selbst schaden. Wenn sie regieren, regiert das Volk, wenn sie ein Gesetz beschließen, beschließt das Volk das Gesetz, wenn sie richten, richtet das Volk. Damit die Identität von Räten und Volk immer gewährleistet ist, vertritt der gewählte Delegierte im Arbeiterrat immer den reinen, guten Willen seiner proletarischen Wähler. Darin besteht seine „Freiheit“. Weicht er davon ab, zeigt er ein „falsches Bewußtsein“, und kann von seinen Wählern durch einen neuen Delegierten ersetzt werden. So gibt es für die Mitglieder der Arbeiterräte auch keine Legislaturperiode. Es gibt für den Einzelmenschen auch keine natürlichen, vorgesellschaftlichen Grundrechte, mit denen er sich in Gegensatz zum reinen Volkswillen setzen kann. Das wäre egoistisch und schädlich.

Mit diesen Arbeiter- und Soldatenräten, so glaubte die USPD, könnten dann die Beschlüsse gefaßt werden, die Voraussetzung für den Sozialismus seien: Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Beseitigung der Herrschaft der Kapitalistenklasse. Bestätigt sah sich die USPD in der Tatsache, daß in den ersten Novembertagen 1918 in vielen deutschen Städten die Arbeiter- und Soldatenräte mühelos ohne Gewaltanwendung die Macht übernehmen konnten.

Unvereinbar mit diesen marxistischen Arbeiter- und Soldatenräten sind das allgemeine Wahlrecht, die Gewaltenteilung, das Mehrparteiensystem und die Grundrechte.

Gegen die Herrschaft der Arbeiter- und Soldatenräte wandte sich damals die SPD unter ihrem Vorsitzenden Friedrich Ebert. Für sie war nur soviel Sozialismus möglich, wie in den mit allgemeinem Wahlrecht zustande gekommenen Parlamenten beschlossen werden konnte. Sie wandte sich dagegen, ganze Bevölkerungskreise von der politischen Mitwirkung auszuschließen. Es bestand die Gefahr, daß diese Kreise sich wehrten. Deutschland war – neben der schwierigen außenpolitischen Lage – auch innenpolitisch in einer Notlage. Es gab eine große Hungersnot. Man hatte ein kompliziertes System der Bewirtschaftung, Rationierung und Zuteilung aller Lebensmittel und aller wichtigen Güter aufgebaut, das nur bei großer Disziplin aller erhalten werden konnte. Enteignung der Fabriken brachte Rückgang der Produktion. Revolution bedeutete Unordnung, Chaos, und man fürchtete, vor allem die einfachen Leute würden den größten Schaden davon haben. Außerdem hatte man inzwischen genügend Nachrichten aus dem revolutionären Rußland, wo die Machtübernahme durch Arbeiter- und Soldatenräte im Oktober 1917 zu großem Unheil geführt hatte. Vor allem der Parteivorsitzende Friedrich Ebert war mit dieser „proletarischen Revolution“ gar nicht einverstanden. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und hatte gelernt, daß man sich seinen Lebensunterhalt immer mühsam verdienen mußte. Er trat dafür ein, das Leben der einfachen Leute durch soziale Gesetze zu erleichtern. An Märchen vom Paradies auf Erden, die seine reichen Vorgänger im Parteivorsitz, Lassalle und Bebel, erzählt hatten, glaubte er nicht.

 

Anfang November 1918 bedrohte die revolutionäre Welle auch Berlin. Und hier würde ein Arbeiter- und Soldatenrat nicht nur das Berliner Stadtregiment stürzen, sondern auch noch die Reichsregierung. Das wollte die Führung der SPD verhindern. Um den revolutionären Elan der Berliner zu dämpfen, verlangte die SPD-Führung von Reichskanzler Max von Baden, er solle den Abdankung des Kaisers bekanntgeben. Der aber war in Spa und dachte nicht an Abdankung. Der 9. November war ein Samstag, damals ein normaler Arbeitstag. Dieser Tag sollte zum Revolutionstag in Berlin werden. Die radikalen Linken hatten die Arbeiter aufgerufen, zu streiken, von ihren Fabriken aus ins Stadtzentrum zu marschieren und sich vor dem Reichstag zur zentralen Kundgebung einzufinden. Um revolutionären Ereignissen zuvorzukommen, drängte Friedrich Ebert schon am frühen Morgen Prinz Max von Baden, die Abdankung des Kaisers bekanntzugeben. Der Kaiser war immer noch in Spa und telefonisch nicht zu erreichen. Am Vormittag gab Max von Baden die Abdankung des Kaisers bekannt ohne dessen Zustimmung. (Damit war keineswegs die Monarchie abgeschafft.) Gleichzeitig trat er als Reichskanzler zurück und übergab dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert das Reichskanzleramt. Beide Entscheidungen waren im Widerspruch zur Verfassung, also revolutionär. Ebert ließ sofort Flugblätter drucken und an die anmarschierenden Demonstranten verteilen. In diesen Flugblättern teilte er den „Mitbürgern“ die neuen revolutionären Entscheidungen mit, forderte sie auf, Ruhe und Ordnung zu bewahren und die Straßen zu verlassen. Die Demonstranten folgten den Aufforderungen Eberts nicht. Um die Mittagszeit waren mehrere zehntausend Demonstranten vor dem Reichstag versammelt. Gleichzeitig waren viele Abgeordnete im Reichstag. Ebert saß mit anderen Abgeordneten in der Reichstagskantine und aß ein karges Mittagessen. Abgeordnete meinten, jemand müsse zu den Demonstranten reden. Ebert hatte dazu keine Lust. Philipp Scheidemann, prominentes SPD-Mitglied und Mitglied der Reichsregierung, stand wortlos auf, ging durch die Korridore des Reichtags und öffnete eine der hohen Fenstertüren neben dem Haupteingang. In einer kurzen Rede rief er den Demonstranten vor dem Reichstag die entscheidenden Sätze zu: „Die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe die deutsche Republik!“ Das war der revolutionäre Staatsakt, mit dem die deutsche Republik begann. (Heute heißt danach der Platz vor dem Reichstag „Platz der Republik“.) Die Demonstration löste sich auf, und Scheidemann ging in die Kantine zurück. Dort machte Ebert Scheidemann heftige Vorwürfe. Durch seine revolutionäre Tat war Scheidemann aber Karl Liebknecht zuvorgekommen, der am Nachmittag vom Berliner Schloß aus die sozialistische deutsche Republik ausrief, eine Aktion, die kaum noch beachtet wurde.

Die Abdankung des Kaisers ohne dessen Zustimmung, die Übergabe des Reichskanzleramtes an Friedrich Ebert und vor allem die Ausrufung der Republik machten den 9. November 1918 zum Tag der Revolution in Deutschland. Die bisherige monarchische Verfassung war damit außer Kraft gesetzt. Immer noch war Krieg. Der Kaiser erfuhr von diesen Vorgängen in Hauptquartier in Spa  und fuhr am 10. November mit dem Zug ins Exil ins neutrale Holland. In Deutschland stand aber der Kampf um die Macht erst noch bevor.

 

Die SPD-Führung unter Friedrich Ebert setzte sich zum Ziel, eine verfassunggebende Nationalversammlung wählen zu lassen mit gleichem, geheimen Wahlrecht bei einigen Veränderungen, die die SPD immer gefordert hatte: Wahlrecht ab 21 Jahre, auch für Frauen, und Verhältniswahlrecht statt Mehrheitswahlrecht. Die so gewählten Repräsentanten des deutschen Volkes sollten dann die notwendigen Entscheidungen treffen und vor allem eine neue Verfassung beraten und beschließen. Die SPD erhoffte sich eine klare sozialistische Mehrheit, aber das mußte man abwarten.

Die USPD trat in ihren Aufrufen für das Rätesystem ein. In Aufrufen vom 5. und 9. Dezember heißt es: „Der 9. November hat unser Werk gekrönt. Deutschland ist eine sozialistische Republik. Sie gilt es zu sichern. Ihrem Ausbau gilt nun unsere Arbeit. ... Wir fordern den unverzüglichen Beginn der Sozialisierung, damit die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse gebrochen, die Produktion auf das höchste Maß gesteigert, die Verteilung zugunsten der Gesamtheit der Volksgenossen umgestaltet werden kann. ... Wir treten ein für die möglichst schnelle Umwandlung des kapitalistischen Klassenstaates in die sozialistische Gesellschaft, auf daß das Reich der Freiheit an Stelle des Reiches der Knechtschaft  und der Ausbeutung errichtet werde. ... Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei steht auf dem Boden des Rätesystems. ... Sie setzt der Herrschaftsorganisation des kapitalistischen Staates die proletarische Herrschaftsorganisation auf der Grundlage des politischen Rätesystems entgegen, dem bürgerlichen Parlament als dem Ausdruck des Machtwillens der Bourgeoisie den revolutionären Rätekongreß. Die Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaftsanarchie in die planmäßige sozialistische Wirtschaft erfolgt durch das wirtschaftliche Rätesystem. ...“ (Aus dem Quellenband Weltkriege und Revolutionen, bearbeitet von Günter Schönbrunn, S.166)

Neben SPD und USPD gab es als dritte sozialistische Organisation den Spartakusbund, benannt nach dem römischen Sklaven Spartakus, der als Anführer eines Sklavenaufstandes 72 v. Chr. Rom an den Rand einer Niederlage gebracht hatte. Der Spartakusbund wurde 1916 von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegründet; viele Mitglieder waren auch in der USPD. Führende Mitgliede des Spartakusbundes standen in Kontakt mit Lenin und seinen Bolschewisten, die damals noch im Exil in der Schweiz waren. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren 1916 mit Gefängnis bestraft worden, weil sie sich öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen hatten. Karl Liebknecht wurde im Oktober, Rosa Luxemburg Anfang November 1918 aus dem Gefängnis entlassen. Sofort nahmen sie ihre Tätigkeit für den Spartakusbund wieder auf. Heimlich wurden sie von den russischen Kommunisten unter Lenin unterstützt, die inzwischen in Rußland die Macht übernommen hatten. Um diese Unterstützung zu beweisen, hatte das deutsche Auswärtige Amt am 4. November 1918 einen „Unfall“ inszeniert: Ein Koffer des russischen Diplomatengepäcks fiel im Berliner Bahnhof „versehentlich“ die Treppe hinunter, platzte auf und in Rußland gedruckte Flugblätter des Spartakusbundes fielen heraus. Damit war die Einmischung Rußlands in die inneren Angelegenheiten Deutschlands bewiesen, und Deutschland brach die diplomatischen Beziehungen zu Rußland ab.

In der „Roten Fahne“, der Zeitung des Spartakusbundes, wurde am 14. Dezember 1918 ein programmatischer Aufruf veröffentlicht, den Rosa Luxemburg verfaßt hatte. Dieser Aufruf beweist, daß Rosa Luxemburg keineswegs friedlich und pazifistisch war, im Gegenteil, sie rief zu massiver, rücksichtsloser und hemmungsloser Gewalt auf. Manche Sätze klingen wie Nazi-Parolen. (Der Aufruf ist abgedruckt im Band 3 der Quellenbände Ursachen und Folgen, herausgegeben von Herbert Michaelis und Ernst Schräpler, Text Nr. 637.)

An Anfang des Aufrufs heißt es:

„Der Kampf um den Sozialismus ist der gewaltigste Bürgerkrieg, den die Geschichte gesehen, und die proletarische Revolution muß sich für diesen Bürgerkrieg das nötige Rüstzeug bereiten, sie muß lernen, es zu gebrauchen zu Kämpfen und Siegen. Eine solche Ausrüstung der kompakten arbeitenden Volksmasse mit der ganzen politischen Macht für die Aufgaben der Revolution, das ist die Diktatur des Proletariats und deshalb die wahre Demokratie. Nicht wo der Lohnsklave neben dem Kapitalisten, der Landproletarier neben dem Junker in verlogener Gleichheit sitzen, um über ihre Lebensfragen parlamentarisch zu debattieren: dort, wo die millionenköpfige Proletariermasse die ganze Staatsgewalt mit ihrer schwieligen Faust ergreift, um sie wie der Gott Tor seinen Hammer den herrschenden Klassen aufs Haupt zu schmettern: dort allein ist die Demokratie, die kein Volksbetrug ist.“ (Ein schönes Beispiel für Identität: Millionen schließen sich zusammen zu einer einzigen „Faust“, handeln wie eine einzige Person, „wie der Gott Tor“.)

In dem Aufruf folgen dann die radikalen Forderungen, wie sie seit er Jakobinerdiktatur in der Französischen Revolution und seit der Diktatur der Bolschewisten in Rußland bekannt waren:

„Entwaffnung aller nichtproletarischen Soldaten“ – „Bewaffnung der gesamten erwachsenen männlichen proletarischen Bevölkerung als Arbeitermiliz“ (also allgemeine Wehrpflicht) – „Einsetzung eines Revolutionstribunals, vor dem die Hauptschuldigen am Kriege, die beiden Hohenzollern, Ludendorff, Hindenburg, Tirpitz und ihre Mitverbrecher sowie alle Verschwörer der Gegenrevolution abzuurteilen sind“ – „Sofortige Beschlagnahme aller Lebensmittel“ – „Abschaffung aller Einzelstaaten, einheitliche deutsche sozialistische Republik“ – „Beseitigung aller Parlamente und Gemeinderäte“ – „Wahl von Arbeiterräten über ganz Deutschland, sowie von Soldatenräten durch die Mannschaften“ – „Sechsstündiger Höchstarbeitstag“ – „Sofortige gründliche Umgestaltung des Ernährungs-, Wohnungs-, Gesundheits- und Erziehungswesens im Sinne und im Geiste der proletarischen Revolution“ – „Enteignung des Grund und Bodens aller landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetriebe; Bildung sozialistischer landwirtschaftlicher Genossenschaften unter einheitlicher zentraler Leitung“ – „Enteignung aller Banken, Bergwerke, Hütten sowie aller Großbetriebe“ – „Konfiskation aller Vermögen von einer bestimmten Höhe an“.

Ganz am Ende des Aufrufs steht dann: „Auf Proletarier! Zum Kampf! Es gilt, eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen. In diesem letzten Klassenkampf der Weltgeschichte um die höchsten Ziele der Menschheit gilt dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!  Der Spartakusbund.“

Soweit Auszüge aus dem Programm des Spartakusbundes. Am 31. Dezember 1918 benannte sich der Spartakusbund um in Kommunistische Partei Deutschlands (KPD); anwesend war Karl Radek, ein Gesandter Lenins. Die PDS nennt ihre Parteizentrale Karl-Liebknecht-Haus und ihre parteinahe Stiftung Rosa-Luxemburg-Stiftung. Damit stellt sie sich noch heute in die Tradition der KPD.

 

Weiter mit dem Verlauf der Revolution:

Noch am 9. November riefen die radikalen Linken in Berlin zur Wahl eines Arbeiter- und Soldatenrates auf. Die Arbeiter sollten am 10. November, einem Sonntag, in die Fabriken kommen und dort Delegierte wählen; dasselbe sollten die Soldaten in den Kasernen tun. Die gewählten Delegierten sollten am Sonntagnachmittag um 5 Uhr sich im Zirkus Busch versammeln. Friedrich Ebert, der sich immer noch als Reichskanzler fühlte, spürte, daß ihm von diesem Arbeiter- und Soldatenrat Gefahr drohte. Ebert mobilisierte nun seine Parteiorganisation. Es gelang, am Sonntagmorgen viele SPD-Mitglieder als Delegierte wählen zu lassen, so daß der Berliner Arbeiter- und Soldatenrat eine SPD-Mehrheit hatte. Am Morgen des 10. November kam es auf Initiative Eberts zu einer Vereinbarung des SPD-Vorstandes und des USPD-Vorstandes: Es wurde eine neue revolutionäre Regierung geschaffen, die nur aus Sozialisten bestand, 3 SPD-Mitgliedern (Ebert, Scheidemann, Landsberg) und 3 USPD-Mitgliedern (Haase, Dittmann, Barth). Nur diese sechs Personen bildeten das Kabinett. Die Staatssekretäre der alten Regierung Max von Baden blieben in ihren Ämtern, standen aber unter Aufsicht des Kabinetts. Es wurde vereinbart, eine Vollversammung der Arbeiter- und Soldatenräte aus dem ganzen Reich einzuberufen. Die Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung, das Hauptziel der SPD, blieb offen. Soweit die Vereinbarungen der SPD mit der USPD.

Diesen Vereinbarungen stimmte Ebert nur widerwillig zu. Er hielt Arbeiter- und Soldatenräte nur für eine Teilwillen des Volkes, ihre Wahl war oft tumultuös und zufällig, formal jedenfalls völlig unkorrekt, wie auch die Wahl des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates, und er hielt sie nicht für befugt, für alle Bürger verbindliche Entscheidungen zu treffen. Vom demokratischen Standpunkt hatte Ebert mit dieser Meinung völlig recht. Schließlich hatten die Arbeiter keineswegs eine Mehrheit im deutschen Volk. Der Begriff „Arbeiter“ war auch nicht klar abgegrenzt gegenüber „Nicht-Arbeitern“. Die völlig willkürliche Gleichsetzung „Arbeiter“ mit „Gesamtvolk“ stammte von Karl Marx, der in seiner Ideologie behauptete, Arbeiter hätten eine höhere Einsicht als andere Teile des Volkes. Ebert hielt das zu Recht für Unsinn. Ebenso hätte Ebert am liebsten mit den Staatssekretären der alten Regierung des Prinzen Max von Baden weiterregiert. Hinter dieser Regierung stand immerhin die Mehrheit des letzten demokratisch gewählten Reichstags. Die Art, wie er Reichskanzler geworden war, und die Ausrufung der Republik war für Ebert Revolution genug. Am liebsten hätte er auch diese revolutionären Vorgänge vermieden. Ebert war ein einfacher Mann aus dem Volk, der immer einen klaren Sinn für die Realitäten hatte, bauernschlau und gescheit, aber nicht so „gescheit“ wie die „studierten“ Ideologen Marx, Lenin und andere, für die der Satz zutrifft „allzu g´scheit, ist auch wieder dumm“. Ebert war klar, daß der Berliner Arbeiter- und Soldatenrat eine neue revolutionäre Regierung einsetzen würde, und er hatte nicht vor, zuzulassen, daß eine neue Regierung aus linksradikalen Spinnern ihn beiseite schob und das deutsche Volk mit ihren verrückten Maßnahmen in eine Katastrophe stürzte. Aber Ebert wußte auch, daß es nicht genügte, den Linksradikalen entgegenzuhalten „das dürft ihr nicht“ oder „dazu habt ihr nicht das Recht“. Schließlich war auch sein Anspruch, Reichskanzler zu sein, nicht auf Verfassungsartikel gegründet, sondern revolutionär. Also entschloß sich Ebert, scheinbar bei der Fortsetzung der Revolution mitzumachen, aber nur, um sie bei günstiger Gelegenheit zu stoppen. Mit einer neuen Regierung von sechs Sozialisten, einer Regierung, die Ebert im Grunde ablehnte, begab er sich am Nachmittag des 10. November 1918 in den am Vormittag gewählten Berliner Arbeiter- und Soldatenrat, den Ebert im Gunde für eine ganz alberne und überflüssige, aber nun mal unvermeidliche Veranstaltung hielt. Dort bestätigte die Mehrheit der 2000 bis 3000 Delegierten die neue Regierung. Die Delegierten eines Teiles der Berliner Wähler bestätigten die Reichsregierung! Man mußte schon eine sehr seltsame Vorstellung von Demokratie haben, um das für demokratisch zu halten. (Vergleichbar damit ist höchstens noch die mittelalterliche Vorstellung, daß die hohe Geistlichkeit den Kaiser „von Gottes Gnaden“ einsetzt.) Die neue Reichsregierung bekam den Titel „Rat der Volksbeauftragten“, einen Titel, den Ebert nur widerwillig annahm, er erinnerte ihn wohl an den Titel „Rat der Volkskommissare“, wie die Regierung der Bolschewisten in der russischen Oktoberrevolution 1917 geheißen hatte. Während der Versammlung des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates war immer wieder deutlich geworden, daß die Minderheit der USPD- und Spartakusleute der SPD, den „Rechtssozialisten“, und vor allem Ebert nicht trauten. Am liebsten wären sie unter sich gewesen und hätten eine rein linksradikale Regierung eingesetzt. Um demokratische Mehrheiten kümmerten sie sich eh´ nicht.

In der neuen Regierung waren zwei Gegensätze vereint, die nicht durch Kompromiß zu überbrücken waren. Die drei SPD-Mitglieder, und dabei vor allem Ebert, wollten die errungene politische Freiheit mit Grundrechten für alle Deutschen festigen durch die freie Wahl von Repräsentanten des ganzen deutschen Volkes. (Linkradikale nennen solche Leute „Konterrevolutionäre“.) Die drei USPD-Mitglieder hielten nur ihre (wenigen) Anhänger für das Volk, wollten einen Sozialismus einführen, der einen großen Teil des Volkes von der politischen Mitwirkung ausschloß, der zu Diktatur, Unfreiheit, Hungersnot und vermutlich auch zu Bürgerkrieg führen mußte. Diese Linksradikalen waren die eigentlichen Konterrevolutionäre, weil sie die errungenen Freiheiten zunichte machen wollten. Bedroht fühlte sich Ebert durch einen  bewaffneten Aufstand der Linksradikalen, nicht der Monarchisten.

Am Abend nach der Versammlung des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates begab sich Ebert in die Reichskanzlei. Er behielt das Arbeitszimmer des Reichskanzlers bei, obwohl er den Titel verloren hatte. Hier gab es eine telephonische Standleitung mit dem Hauptquartier der Obersten Heeresleitung in Spa. (Noch war Krieg.) Ebert telephonierte mit General Groener, dem Stellvertreter Hindenburgs. In diesem Gespräch verbündete sich Ebert mit der OHL gegen mögliche bewaffnete Aufstände der Linksradikalen, mit denen man rechnen mußte. Es war abzusehen, daß nach dem bevorstehenden Abschluß des Waffenstillstandes die deutschen Truppen ins Reichsgebiet zurückmarschieren würden. In späteren weiteren geheimen Telephongesprächen festigte Ebert dieses Bündnis. Dieses Bündnis mit der OHL hielt  Ebert geheim vor den anderen Mitgliedern des Rates der Volksbeauftragten. Wer dies mit dem negativen Wort Verrat bezeichnet, wendet sich damit auch gegen Eberts Ziele: Freiheit für alle Deutschen und Verhinderung einer sozialistischen Diktatur.

 

Ebert hatte offenbar instinktiv etwas begriffen, was uns heute zu begreifen ungeheuer schwerfällt: Jede Revolution geschieht außerhalb des Rechts. Sie ist Ablehnung des bestehenden Rechts. Die Begriffspaare „Recht – Unrecht“ und „moralisch – unmoralisch“ verlieren in Revolutionen jeden Sinn. Während der Revolution gilt nur das Begriffspaar „Erfolg – Mißerfolg“. Und der Erfolg hängt nicht ab von rechtsstaatlichen oder moralisch einwandfreien Mittel, sondern einzig und allein von der realen Macht, die die um die Macht kämpfenden Gruppen aufbieten können. Die Gruppe, die außerhalb des Rechts durch pure Macht gesiegt hat, setzt dann eine neue Rechtsordnung. Zu den geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten gehört, daß durch gewaltsame Revolution Altes vergeht und Neues  entsteht. Diese Gesetzmäßigkeit können wir Menschen nicht außer Kraft setzen, wir beherrschen sie nicht, schon gar nicht durch den Rechtsstaat. Wenn wir durch gewaltbereite Revolutionäre herausgefordert werden, können wir versuchen, mit rechtsstaatlichen Mitteln dagegenzuhalten. Wenn wir damit Erfolg haben, haben wir Glück gehabt. Wenn nicht, müssen wir bereit sein, rechtsstaatswidrige gewaltsame Mittel dagegenzusetzen. Dabei riskieren wir vieles, wenn nicht alles. Wenn wir damit Erfolg haben, wird nach diesem tiefgehenden Erlebnis das Gemeinwesen ein anderes sein als zuvor. Wenn wir keinen Erfolg haben, geht es sowieso ganz anders weiter. Das wußten die alten Römer, die in ihrer republikanischen Verfassung für den Notfall die Diktatur eines einzigen Mannes vorsahen. Er konnte jede Maßnahme ergreifen, er mußte nur das Gemeinwesen retten. Tatsache ist auf jeden Fall, daß eine zu allem entschlossene gewaltbereite revolutionäre Minderheit Erfolge erzielen kann, die auf die Dauer ein Gemeinwesen vernichten.

 

Am 12. November 1918 verkündete der Rat der Volksbeauftragten mit Gesetzeskraft die Aufhebung der im Krieg eingeführten Einschränkungen der Meinungsfreiheit und der Versammlungsfreiheit. Sozialpolitische Gesetze wurden angekündigt: der Achtstundenarbeitstag, eine Erwerbslosenunterstützung, die Bereitstellung von Wohnungen, die Sicherung einer geregelten Volksernährung. (Die Enteignung der Großindustrie fehlte.)  Für die Wahlen zu Parlamenten wurde das Verhältniswahlrecht und das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen an 21 Jahren eingeführt. (Das Frauenwahlrecht war sehr fortschrittlich; in England wurde 1918 das Frauenwahlrecht ab 30 eingeführt, in Frankreich gab es erst nach dem Zweiten Weltkrieg das Frauenwahlrecht.)

Am 15. November beschlossen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, in Tarifverträgen die Löhne und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer festzulegen. Das war damals neu in Deutschland.

Inzwischen wurden gemäß den Waffenstillstandsbedingungen die deutschen Truppen aus den besetzten Gebieten ins Reichsgebiet zurückgeführt. Die allgemeine Wehrpflicht wurde aufgehoben. Am 12. Dezember verkündete der Rat der Volksbeauftragten ein Gesetz zur „Bildung einer freiwilligen Volkswehr“. Ebert wollte erreichen, daß möglichst viele bisherige Wehrpflichtige sich als Freiwillige zum Schutz der Regierung gegen linksradikale Aufstände zur Verfügung stellten. Das Gesetz hatte jedoch keinen Erfolg. Die einfachen Arbeiter- und Bauernsöhne hatten genug vom Krieg, sie wollten Weihnachten zu Hause sein. Es blieben die Berufssoldaten, die kaum Sympathien für die SPD hatten.

 

Vom 16. bis zum 19. Dezember tagte in Berlin der Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte, etwa 500 Delegierte der Räte ganz Deutschlands. Die klare Mehrheit gehörte der SPD, eine Minderheit der USPD an. Sebastian Haffner stellt dazu fest: „Was in Berlin zusammenkam, war eine sehr ordentliche, parlamentsähnliche Versammlung, von der sich journalistische Augenzeugen unwiderstehlich an SPD-Parteitage der Vorkriegszeit erinnert fühlten: dieselben Typen, vielfach noch dieselben Gesichter, dieselbe Atmosphäre.“ (Sebastian Haffner, 1918/19. Eine deutsche Revolution, S. 116)  Dazu muß aber ergänzt werden, daß ein „SPD-Parteitag“ nicht befugt ist, verbindliche Beschlüsse für ganz Deutschland zu fassen. Das sah auch Ebert so. Auf dem Kongreß stellte Ernst Däumig (USPD) den Antrag, „daß unter allen Umständen an dem Rätesystem als Grundlage der Verfassung der sozialistischen Republik festgehalten wird, und zwar derart, daß den Räten die höchste gesetzgebende Vollzugsgewalt zusteht“. Dieser Antrag sollte also die Gewaltenteilung in Legislative und Exekutive außer Kraft setzten. In der Begründung seines Antrags sagte Däumig, nur das Proletariat könne Träger des Rätegedankens sein, auf die bürgerliche Demokratie müsse die proletarische Demokratie folgen. In einer Nationalversammlung werde es keine sozialistische Mehrheit geben, deshalb müsse man die Sozialisierung vorher so schnell wie möglich beschließen.  Däumig verstieg sich zu ganz albernen Behauptungen: Auch bei den Siegermächten England, Frankreich und Amerika stünde die proletarische Revolution bevor. „Ein Weltkrieg muß zur Weltrevolution führen, hier früher, da später. Auch in den Negerdörfern am Senegal, in den Farmen Australiens und Indiens tönt die Totenklage, und die ganze Welt wird vor den Folgen des Weltkrieges erzittern.“  Zum Vorwurf „Diktatur“ wurde Däumig ehrlich: „Und die Diktatur, die sich darin aussprechen soll: ja ist es denn ein so großes Unglück, wenn den Leuten, die jetzt  Jahrzehnte lang diese großen Reichtümer aus dem Blut und Schweiß des Volkes gesammelt haben, jetzt gesagt wird: Ihr habt genug genossen, jetzt kommen die an die Reihe, die von euch gedrückt und ausgesogen worden sind. Das ist nur ein Akt des Weltgerichts, der nach meinem Dafürhalten durch keine wehleidigen Betrachtungen über die Ungleichheiten der Diktatur beseitigt zu werden braucht.“ Der Antrag von Ernst Däumig wurde vom Rätekongreß mit 344 gegen 98 Stimmen abgelehnt.       

Max Cohen (SPD) stellte den Gegenantrag, „daß die Wahlen für die Nationalversammlung am 19. Januar stattfinden sollen“. In der Begründung sagte er: „Es wird nicht mehr Sozialismus durchführbar sein, als die Mehrheit des Volkes will. Wenn wir für unsere Ziele keine Mehrheit erhalten, dann müssen wir eben aufs Neue an die Arbeit gehen. Wir müssen eine sozialistische Gesinnung in den Köpfen wecken.“ Der Antrag von Cohen wurde mit 400 gegen 50 Stimmen angenommen. (Weltkriege und Revolutionen, S. 156)

Für Ebert hatte der Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte überhaupt keine Legitimation, für das deutsche Volk zu sprechen. Aber da er aber wegen der USPD stattfinden mußte, hatte er mit dem Beschluß für die Nationalversammlung seine Aufgabe erfüllt. Ebert beachtete ab jetzt die Räte nicht mehr. Sebastian Haffner macht in seinem Buch ihm das zum Vorwurf. Er behauptet, „die Räte wollten nur dem sozialdemokratischen  Staat eine sozialdemokratische Exekutive verschaffen“: (S. 111)  Der SPD wirft er vor, sie habe damals die Chance verpaßt, das Deutsche Reich „mit dauerhafter und sinnvoller politischer Substanz auszufüllen“. (S. 215)  Da kann man sich über den sonst so gescheiten Sebastian Haffner nur wundern. Die SPD war eben nicht eine alleinige Staatspartei, die Mehrheit in Deutschland wollte eben keinen „sozialdemokratischen Staat“. Und wenn man den Unsinn gelesen hat, den August Bebel geschrieben hat, dann findet man hier überhaupt keine „sinnvolle politische Substanz“. Vor all diesem Unsinn hat Ebert die Deutschen, und besonders die deutschen Arbeiter, bewahrt.

 

In Berlin gab es eine sogenannte „Volksmarinedivision“. Sie bestand aus einigen hundert Matrosen, die Anfang November aus Kiel nach Berlin gekommen waren. Sie standen der USPD nahe. Ihr Quartier war das Berliner Schloß. Ebert, der jederzeit mit einem bewaffneten Aufstand der Spartakisten rechnen mußte, traute ihnen nicht und wollte, zusammen mit dem Berliner Stadtkommandanten Otto Wels (SPD), diese Truppe aus Berlin wegverlegen. Darüber kam es zu einem Streit. Im Verlaufe dieses Streits besetzten die Matrosen am 23. Dezember kurzzeitig sogar die Reichskanzlei, versäumten es aber, Ebert gefangenzunehmen. Ohne Wissen der 3 USPD-Volksbeauftragten bat Ebert telephonisch die OHL um Hilfe, die inzwischen ihr Hauptquartier in Kassel hatte. Darauf rückten Berliner OHL-Truppen in die Innenstadt ein und erhielten von Ebert telefonisch den Befehl zum Kampf gegen die Volksmarinedivision. Am Morgen des 24. Dezember griffen die Ebert-Truppen die Matrosen im Berliner Schloß an. Die Kämpfe dauerten bis zum Mittag, es gab Tote und Verwundete. Dann stellten die Ebert-Truppen den Kampf ein, veranlaßt von hunderten von Berliner Zivilisten, die erregt die Einstellung des Kampfes forderten. In diesem Moment war Ebert schutzlos. Die Revolutionäre hätten ihn verhaften und eine neue wirklich revolutionäre Regierung einsetzen können. Statt dessen protestierten nach den Weihnachtsfeiertagen die 3 USPD-Volksbauftragten gegen den von Ebert befohlenen Truppeneinsatz und traten zurück. Einen größeren Gefallen hätten sie Ebert nicht tun können. Der ernannte sofort zwei neue Regierungsmitglieder aus der SPD (Wissell und Noske), und benutzte wieder die Bezeichnungen „Reichsregierung“ und „Reichskanzler“. 

Der Truppeneinsatz vom 24. Dezember schadete Ebert in der Öffentlichkeit sehr. Die Berliner Arbeiter waren immer für Einheit von SPD und USPD gewesen; sie begriffen nicht, welche großen Gegensätze zwischen SPD und USPD bestanden. So verstanden die Berliner auch den Schießbefehl Eberts gegen die Volksmarinedivision nicht, und die USPD-Anhänger und Spartakisten hatten es leicht, in ihrer Propaganda und ihren Demonstrationen Ebert als Matrosenmörder zu diffamieren. Auf der Konferenz des Spartakusbundes Ende Dezember 1918, als der Spartakusbund in KPD umbenannt wurde, bezeichnete Rosa Luxemburg die Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführer, die sich zur Nationalversammlung und damit zur Demokratie bekannt hatten, als Verräter an der Sache der Arbeiterbewegung und als „die infamsten und größten Halunken, die in der Welt gelebt haben“. (So steht es in einem Papier der Berliner SPD aus dem Februar 1987, hier zitiert nach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. Februar 1987.)

 

Ebert rechnete weiterhin mit einem bewaffneten Aufstand der Linksradikalen. Um sich dagegen zu sichern, wollte Ebert mit Hilfe des preußischen Innenministeriums den Berliner Polizeipräsidenten Ernst Eichhorn, der der USPD angehörte, absetzen lassen. Der weigerte sich jedoch, und die USPD und KPD riefen für den 5. Januar 1919 zu einer Protestdemonstration gegen Eichhorns Absetzung auf. Es gab am 5. Januar eine gewaltige Massendemonstration, viele Demonstranten waren bewaffnet. Das Berliner Zeitungsviertel wurde besetzt. Am Abend trafen sich im Berliner Polizeipräsidium 86 führende USPD- und KPD-Leute (darunter Wilhelm Pieck und Karl Liebknecht). In einer Abstimmung beschloß man (gegen 6 Stimmen), die Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen. In einem Aufruf, gerichtet an „Arbeiter! Soldaten! Genossen!“, rief man für den nächsten Tag zur  Massenkundgebung auf. Der Aufruf endet mit den Worten: „Auf zum Kampfe für den Sozialismus! Auf zum Kampfe für die Macht des revolutionären Proletariats! Nieder mit der Regierung Ebert-Scheidemann!“  Gleichzeitig wählte man einen Revolutionsausschuß, der aus 33 Personen mit drei gleichberechtigten Vorsitzenden bestand: Ledebour, Liebknecht und Scholze. Man veröffentlichte folgende „Proklamation des Revolutionsausschusses“:       

„Kameraden! Arbeiter!  Die Regierung Ebert-Scheidemann hat sich unmöglich gemacht. Sie ist von dem unterzeichneten Revolutionsausschuß der Vertretung der revolutionären sozialistischen Arbeiter und Soldaten (Unabhängige Sozialdemokratische Partei und Kommunistische Partei) für abgesetzt erklärt. Der unterzeichnete Revolutionsausschuß hat die Regierungsgeschäfte vorläufig übernommen. Kameraden! Arbeiter! Schließt Euch den Maßnahmen des Revolutionsausschusses an. Berlin, den 6. Januar 1919.  Der Revolutionsausschuß: Ledebour, Liebknecht, Scholze.“  (Ursachen und Folgen, Band 3, Text Nr. 563)

 

In der Französischen Revolution hatte 1789 der Sturz des Absolutismus für die Franzosen den Weg zum freiheitlichen Verfassungsstaat mit persönlichen Grundrechten, frei gewählter Volksvertretung und Gewaltenteilung eröffnet. So war es auch in Rußland, als 1917 mit der Februarrevolution die Autokratie des Zaren beseitigt war. Ähnlich war es in Deutschland nach dem 9. November 1918. Aber mit der ersten Revolution ist der Machtkampf eröffnet, und in Frankreich und in Rußland folgte auf die erste Revolution der Freiheit die zweite Revolution, die zu totalitärer Diktatur, Unfreiheit, Bürgerkrieg, Massenmord und Hungersnot führte. Die Betreiber dieser zweiten Revolution sind die wahren Konterrevolutionäre, weil sie die in der ersten Revolution gewonnene Freiheit wieder beseitigen. In Frankreich waren das die Jakobiner, in Rußland die Bolschewisten in der Oktoberrevolution 1917. In Deutschland waren es im Januar 1919 die Linksradikalen, die durch eine zweite Revolution den freiheitlichen Verfassungsstaat verhindern wollten. Die Einsetzung einer neuen linksradikalen Regierung war die Kriegserklärung an die Ebert-Regierung. Siegen konnte nur der Stärkere.

 

Am 6. Januar 1919 gab es erneut eine riesige Massendemonstration, viele Demonstranten waren bewaffnet. Ebert und seine Regierungsmitglieder waren schutzlos in der Reichskanzlei. Aber der neue Revolutionsausschuß gab keinen  Befehl, die Reichskanzlei zu besetzen und die „abgesetzte“ Regierung zu verhaften. (Die deutsche Linksradikalen hatten keinen Lenin und  keinen Trotzki.) Ebert brauchte dringend Truppen. Er suchte ein Regierungsmitglied, der sie ihm beschaffte. Gustav Noske erklärte sich dazu bereit mit dem Satz: „Einer muß den Bluthund machen.“ Im ruhigen Dahlem sollte er Freiwillige als Soldaten einstellen, die bereit waren, für die Ebert-Regierung zu kämpfen. Noske verließ zu Fuß die Reichskanzlei. Durch die Reihen bewaffneter Spartakisten bahnte er sich den Weg mit dem Satz: „Lassen Sie mich bitte durch, ich habe eine wichtige Besorgung zu erledigen.“

Die Massendemonstration vom 6. Januar ging ohne Aktion zu Ende. Nur das Zeitungsviertel blieb besetzt. Noch bevor Noske mit seinen Freikorps eingreifen konnte, fand Ebert unter den Berliner Truppen Teile, die bereit waren, für ihn zu kämpfen. Vom 8. Januar bis zum 11. Januar besiegten  diese Truppen die im Zeitungsviertel verschanzten Ebert-Gegner. Als die Freikorps Noskes am 12. Januar im Zentrum Berlins eintrafen, war der Kampf schon entschieden. In den folgenden Tagen fielen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg einem Freikorps in die Hände; sie wurden am 15. Januar 1919 ermordet.

Es ist Friedrich Ebert und der SPD zu verdanken, daß in Deutschland die zweite Revolution verhindert wurde. Der Historiker Heinrich August Winkler schreibt dazu in seinem Buch „Der lange Weg nach Westen“, die proletarische Diktatur hätte zur Diktatur und nicht zur Demokratie geführt. Die SPD habe verhindert, daß es zu einer Diktatur des Proletariats kam, die binnen kurzem zu einer Diktatur über das Proletariat geführt hätte. (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. März 2000)

 

In seinem Buch „1918/19. Eine deutsche Revolution“ schildert Sebastian Haffner sehr anschaulich die revolutionären Ereignisse. Er zeigt jedoch immer wieder seine Sympathie für die Arbeiter- und Soldatenräte; er kritisiert Ebert heftig wegen des Truppeneinsatzes. Er lobt „die Berliner Arbeiter“, die „die Abschaffung des alten feudal-bürgerlichen Staats zugunsten eines neuen Arbeiterstaats (wollten)“. „Ebert wollte von Anfang an die Erhaltung des alten Staats.“ (S.145) Ebert wollte aber nicht „die Erhaltung des alten Staats“, schon gar nicht  „des alten feudal-bürgerlichen Staats“. Ihm schwebte vielmehr ein moderner, demokratischer Sozialstaat vor. Außerdem: Der Gegensatz zu einem feudal-bürgerlichen Staat ist nicht ein „Arbeiterstaat“. Die Mehrheit der Wähler gehört nicht zu den Arbeitern. Was ist mit ihnen? Genauso gut könnte man einen Beamtenstaat fordern oder einen Bauernstaat oder einen  Priesterstaat oder einen Adelsstaat oder einen Unternehmerstaat. Alles Unsinn.

 

Die deutsche Revolution endete am 19. Januar, als das gesamte deutsche Volk seine Vertreter für die Nationalversammlung wählte. Das Wahlergebnis brachte einen überwältigenden Sieg der drei Parteien, die schon am Kriegsende mit Max von Baden die parlamentarische Regierung gebildet hatten und nun für die parlamentarische Republik eintraten: die SPD, das Zentrum und die DDP (die frühere Fortschrittliche Volkspartei). Von 36,7 Millionen Wahlberechtigten gingen 30,4 Millionen zur Wahl (83 %), und 23 Millionen (76%) wählten diese drei Parteien. Sie erhielten 329 von 421 Mandaten. (Diese drei Parteien bildeten dann in der Nationalversammlung eine Koalition.)  Nach all dem, was die Deutschen in den vergangenen drei Monaten erlebt hatten, war dieses Wahlergebnis eine großartige Bestätigung der neuen freiheitlichen Republik mit Grundrechten und Gewaltenteilung. Falsch ist die Behauptung, die Deutschen hätten diese Republik von Anfang an nicht gewollt.

 

  

 

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