versailles1919


 

Das Ultimatum der Entente


  • Die Vorgeschichte: Das Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Wilson
  • Waffenstillstand
  • Die Friedenskonferenz von Paris
  • Das Ultimatum
  • Deutschland nimmt den Vertrag an
  • Die Folgen

Am 16. Juni 1919 übergaben die Alliierten und Assoziierten Mächte, in Deutschland kurz Entente genannt, in Versailles der deutschen Friedensdelegation das Ultimatum, mit dem Deutschland aufgefordert wurde, binnen einer Frist von fünf Tagen seine Bereitschaft zu erklären, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, der den Weltkrieg beenden sollte; andernfalls werde der Krieg gegen Deutschland wieder aufgenommen. Es handelt sich bei diesem Ultimatum um eines der wichtigsten und folgenreichsten diplomatischen Dokumente des 20. Jahrhunderts. Es besteht aus einer Mantelnote und einer Denkschrift. Der ganze Text ist in französischer und englischen Sprache veröffentlicht in "Urkunden zum Friedensvertrage von Versailles", 1919 herausgegeben von Herbert Kraus und Gustav Rödiger. Die "Deutsche Liga für Völkerbund" gab 1919 eine vollständige amtliche deutsche Übersetzung unter dem Titel "Das Ultimatum der Entente" heraus.

Die Vorgeschichte: Das Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Wilson

Im Kriegsjahr 1918 stellte Präsident Woodrow Wilson in mehreren Reden ein "Programm für den Weltfrieden" vor, mit dem er nach dem Ende des Weltkrieges künftige Kriege verhindern wollte. (Die Reden Wilsons sind veröffentlicht in: Woodrow Wilson, Die Reden, englisch und deutsch, Bern 1919. Die wichtigsten Auszüge sind deutsch enthalten in: Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart, Herausgeber Johannes Hohlfeld, 2. Band, Berlin o.J., sowie im 2. Band der Dokumentensammlung Ursachen und Folgen, herausgegeben von Herbert Michaelis und Ernst Schraepler, Berlin o.J.) Gemäß diesem Friedensprogramm sollte jedes Volk seinen eigenen Staat mit demokratischen Strukturen bekommen, alle Konflikte zwischen den Staaten sollten auf der Basis unparteiischer Gerechtigkeit beigelegt werden, Gebietsstreitigkeiten sollten durch Abstimmung der betroffenen Bevölkerung entschieden werden (Selbstbestimmungsrecht der Völker). Die Beziehungen der Staaten untereinander sollten von Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Vertrauen geprägt sein; dies werde eine allgemeine Abrüstung ermöglichen. Diesen Zustand des Friedens sollte ein Völkerbund garantieren und schützen. In dieses Friedensprogramm schloß Wilson das deutsche Volk mit ein. Er kritisierte aber scharf die undemokratische Führung in Deutschland. Dieses Friedensprogramm sei überall akzeptiert "außer von den Wortführern der deutschen Militär- und Annexionspartei" (11. Februar 1918). Es sei "ein tragischer Umstand, daß diese eine Partei in Deutschland anscheinend willens und fähig ist, Millionen Menschen in den Tod zu senden, um etwas zu verhindern, was alle Welt nur als gerecht ansieht".

Waffenstillstand

Ende September 1918 gab Deutschland den Krieg verloren. Da ergriff das deutsche Volk die ausgestreckte Hand des amerikanischen Präsidenten. Es gab in Deutschland eine Verfassungsreform: Die Regierung mußte sich auf das Vertrauen des Reichstags stützen. Damit wurde die politische und militärische Führung der Kontrolle des demokratisch gewählten Reichstags unterstellt. Die Politik der Reichsregierung wurde im Reichstag und in der Öffentlichkeit diskutiert. Die SPD, das Zentrum und die liberale Fortschrittspartei bildeten die neue Regierung; Reichskanzler wurde Prinz Max von Baden. Diese neue Regierung nahm über Präsident Wilson Verhandlungen mit den Feinden auf. Ziel dieser Verhandlungen waren Waffenstillstand und Friedensschluß auf der Basis des Friedensprogramms Wilsons. (Der Notenwechsel zwischen der deutschen Regierung und Wilson ist abgedruckt in: "Quellen zum Friedensschluß von Versailles", herausgegeben von Klaus Schwabe, Darmstadt 1997.)

Deutschland erfüllte nun alle Bedingungen, die Wilson stellte. Wilson verlangte u.a. "Vernichtung" der "Macht, welche bis jetzt das Schicksal der deutschen Nation bestimmt hat. [...] Die deutsche Nation hat die Wahl, dies zu ändern." (14. Oktober) Die Regierung der Vereinigten Staaten könne nur "mit den Vertretern des deutschen Volkes verhandeln". (23. Oktober) "Wenn mit den militärischen Beherrschern und monarchischen Autokraten Deutschlands jetzt verhandelt werden muß [ ...], dann kann Deutschland über keine Friedensbedingungen verhandeln, sondern muß sich ergeben." Ein deutlicher Hinweis Wilsons, daß Kaiser Wilhelm ein Hindernis für einen gerechten Frieden sei, führte in Deutschland zur Revolution und am 9. November zum Sturz der Monarchie. Um den geforderten "besten konkreten Beweis" (23. Oktober) für eine völlige Änderung der deutschen Politik zu liefern, war Deutschland bereit, Waffenstillstandsbedingungen zu akzeptieren, die ihm eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten unmöglich machten.

Das Ergebnis der Verhandlungen mit Wilson war das Abkommen vom 5. November. Die Verbündeten Wilsons erklärten, sie hätten "den Notenwechsel zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und der deutschen Regierung sorgfältig in Erwägung gezogen". Sie erklärten "ihre Bereitschaft zum Friedensschlusse mit der deutschen Regierung auf Grund der Friedensbedingungen, die in der Ansprache des Präsidenten an den Kongreß vom 8. Januar 1918, sowie der Grundsätze, die in seinen späteren Ansprachen niedergelegt sind". Eine der Friedensbedingungen Wilsons war Räumung und Wiederherstellung der besetzten Gebiete. Die Verbündeten Wilsons erklärten mit seinem Einverständnis, daß sie darunter verstanden, "daß Deutschland für allen durch seine Angriffe zu Wasser, zu Land und in der Luft der Zivilbevölkerung der Alliierten und ihrem Eigentum zugefügten Schaden Ersatz leisten soll".

Auf der Basis dieses Abkommens wurde am 11. November 1918 der Waffenstillstandsvertrag unterschrieben. Deutschland nahm alle Bedingungen an: Rückzug der deutschen Truppen im Osten bis zur Reichsgrenze, im Westen Rückzug bis ins rechtsrheinische Gebiet, Auslieferung der schweren Waffen, Besetzung des linksrheinischen deutschen Gebiets durch Truppen der Feinde. Wie gefordert, hatte sich damit Deutschland seinen Feinden militärisch ausgeliefert; erhalten hatte es dafür den Anspruch auf einen Wilson-Frieden.

Die deutsche Revolution endete am 19. Januar 1919 mit der Wahl der deutschen Nationalversammlung. Von 36 Millionen Wahlberechtigten gaben 30 Millionen (83 Prozent) ihre Stimme ab; davon wählten 23 Millionen (76 Prozent) die SPD, das Zentrum oder die Deutsche Demokratische Partei (die ehemalige Fortschrittspartei); sie erhielten in der Nationalversammlung zusammen 329 von 421 Mandaten. Diese drei Parteien hatten schon am Kriegsende die parlamentarische Regierung gebildet und mit Revolution und Waffenstillstand, Entwaffnung und Rückzug der deutschen Truppen schwerwiegende innen- und außenpolitische Veränderungen zu verantworten. Im Wahlkampf waren sie für die demokratische, parlamentarische Republik eingetreten. Das Wahlergebnis bedeutete in der Geburtsstunde der Weimarer Republik eine große Zustimmung des deutschen Volkes zur demokratischen Republik, zu Frieden und zu Völkerverständigung. Diese drei Parteien schlossen sich in der Nationalversammlung zur Weimarer Koalition zusammen und bildeten eine Regierung mit breiter parlamentarischer Mehrheit.

Die Friedenskonferenz von Paris

Zur Friedenskonferenz, die am 18. Januar 1919 in Paris eröffnet wurde, war Deutschland allerdings nicht eingeladen worden. Das mußte noch nicht viel bedeuten. Harold Nicolson, britischer Diplomat und Teilnehmer der Friedenskonferenz, berichtete später in seinem Buch "Friedensmacher 1919" (deutsch Berlin 1933), im Kreis der Siegermächte sei man sich über die Vorgehensweise lange nicht im klaren gewesen. Man habe ursprünglich angenommen, man werde sich zunächst auf gemeinsame Standpunkte einigen, anschließend werde der endgültige Friedensvertrag mit Deutschland ausgehandelt werden. Viele Vertragsbestimmungen seien deshalb ungerecht und unpraktikabel ausgefallen, weil die Diplomaten in den Kommissionen geglaubt hätten, sie würden in den Verhandlungen mit den Deutschen noch revidiert werden. Daß es dann anders gekommen sei, habe man anfangs nicht gewußt. (S.96 ff.)

Am 7. Mai 1919 wurde der Vertragsentwurf der deutschen Friedensdelegation übergeben. Die deutsche Delegation durfte bis zum 29. Mai schriftliche Bemerkungen abgeben. In einer Note vom 13. Mai lehnte die deutsche Delegation es ab, die deutsche Alleinschuld am Kriegsausbruch anzuerkennen und die Bezahlung aller Kriegskosten zu übernehmen, wie es im Vertragsentwurf verlangt war. In der abschließenden Note vom 29. Mai stellte die deutsche Delegation einen Widerspruch fest zwischen dem Vertragsentwurf einerseits und den beim Waffenstillstand vereinbarten Rechtsgrundlagen des Friedens andererseits. Die deutsche Delegation wies vor allem die mit "Strafbestimmungen" überschriebenen Artikel 227-230 zurück. Darin war vorgesehen, den ehemaligen Kaiser "wegen schwerster Verletzung der internationalen Moral und der Heiligkeit der Verträge" vor einem Gerichtshof der Alliierten und Assoziierten Mächte anzuklagen. Außerdem sollte Deutschland sich bereit erklären, Deutsche, die wegen Verletzung der "Gesetze und Gebräuche des Krieges" angeklagt werden sollten, auszuliefern. Deutschland sollte sich auch verpflichten, die angeforderten Beweismittel zu liefern. Deutschland erklärte, diese Bestimmungen seien unvereinbar mit dem Völkerrecht, mit dem deutschen Strafgesetz und mit der deutschen Ehre. Deutschland erklärte sich bereit, solche Prozesse selbst zu führen. Die deutschen Argumente fanden in den internen Besprechungen der Entente durchaus Fürsprecher. Wilson und der britische Premierminister Lloyd George warnten mehrmals davor, die "genau umschriebenen Verpflichtungen" zu brechen, "die wir beim Abschluß des Waffenstillstandes eingegangen sind"(Weltkriege und Revolutionen 1914-1945, bearbeitet von Günther Schönbrunn, München 1961, S.124).

Lloyd George sagte: "Das Land, das ich hier vertrete, ist durch seine Ehre gebunden, von diesen Grundsätzen nicht abzuweichen. Der Waffenstillstandsvertrag hat die Fundamente des Friedens gelegt, und darin unterscheidet er sich von den herkömmlichen Waffenstillstandsverträgen. Nichts würde einem großen Lande mehr schaden als ein Wortbruch, selbst einem Feinde gegenüber. Großbritannien hat 1914 Deutschland den Krieg erklärt, um seine Unterschrift unter den Neutralitätsvertrag für Belgien ehrenvoll einzulösen. Wenn wir unser vor einigen Monaten den Deutschen gegebenes Wort brechen würden, wie könnte dann Frankreich auf unser Wort bauen, wenn wir ihm versprechen, es im Falle eines Angriffs zu unterstützen?" (Weltkriege und Revolutionen, a.a.O., S.126) Am 8. Mai notierte der amerikanische Außenminister Robert Lansing: "Die Friedensbedingungen erscheinen unsagbar hart und demütigend, während viele von ihnen mir unerfüllbar erscheinen. [...] Kriege werden früher oder später entstehen. [...] Prüft den Vertrag und ihr werdet finden, daß Völker gegen ihren Willen in die Macht jener gegeben sind, die sie hassen, während ihre wirtschaftlichen Quellen ihnen entrissen und anderen übergeben sind. Haß und Erbitterung, wenn nicht Verzweiflung müssen die Folgen derartiger Bestimmungen sein. Es mag Jahre dauern, bis diese unterdrückten Völker imstande sind, ihr Joch abzuschütteln, aber so gewiß wie die Nacht auf den Tag folgt, wird die Zeit kommen, da sie den Versuch wagen." (Robert Lansing, Die Versailler Friedensverhandlungen, deutsch Berlin 1921, S. 205 f.) William Bullitt, ein Mitglied der amerikanischen Delegation, legte am 17. Mai sein Amt nieder. "Er sagte, daß er nicht mit gutem Gewissen einen Vertrag, der auf Ungerechtigkeiten beruhe, vertreten könne." (Lansing, S. 204) "Am 17. Mai erhielt ich ... Briefe von fünf unserer hauptsächlichen Sachverständigen, die gegen die Friedensbedingungen protestierten und erklärten, daß sie in ihnen einen Abfall von den Prinzipien sähen, für die die Amerikaner gekämpft hatten." (Lansing, S. 207)

Der britische Minister Barnes und der Amerikaner Norman Davis kritisierten, daß bei den Reparationen keine Gesamtsumme genannt sei; die Lieferverpflichtungen würden steigen, je mehr die Deutschen arbeiteten; das sei demoralisierend. (Quellen, a.a.O., S. 296 f. und 305) Der britische Minister Milner sagte, es wäre der größte Fehler, Deutschland eine solche Last aufzubürden, daß es zum Fluch für die Welt würde (Quellen, a.a.O., S. 296). General Smuts, der Vertreter Südafrikas, stellte in einem Brief an Lloyd George fest, die Strafbestimmungen seien mehr, als eine Regierung mit Ehrgefühl und Achtung vor ihrem Volk zu unterzeichnen vermöge (Der Vertrag von Versailles, mit Beiträgen von Sebastian Haffner, Gregory Bateson u. a.; München 1978; Ullstein Taschenbuch Nr. 33090, S. 100). In einem Brief an Wilson stellte er fest, viele Friedensbedingungen stünden im Widerspruch zur feierlichen Verpflichtung, einen Wilson-Frieden zu schließen. "Wir werden mit schwersten Schande überschüttet werden, und dieser Friede könnte dann wohl sogar ein noch größeres Unheil für die Welt bedeuten, als es der Krieg war." (Quellen, a.a.O., S. 292 f.) John Maynard Keynes verließ aus Protest die britische Delegation; er schrieb sofort danach ein Buch, in dem zu lesen ist: "Den deutschen Auslegern fiel es nicht schwer, zu zeigen, daß der Vertragsentwurf einen Bruch von Verpflichtungen und internationaler Sittlichkeit bedeute, der mit ihrer eigenen Schuld am Einfall in Belgien zu vergleichen sei." (John M. Keynes, Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages, deutsch 1921, S. 49)

Das Ultimatum

Von diesen internen Sympathien für den deutschen Standpunkt war in dem Ultimatum vom 29. Juni 1919nichts mehr zu spüren. Sebastian Haffner schreibt, der Versailler Vertrag sei "ein Dokument, das sich, selbst heute noch, in vielen Teilen wie ein Strafurteil liest" (a.a.O. S. 422). Auf das Ultimatum trifft das im wörtlichen Sinne zu. Die Mantelnote beginnt mit einem Urteil: "Infolgedessen halten es die Alliierten und Assoziierten Mächte für erforderlich, ihre Antwort mit einer scharf umrissenen Darlegung ihres Urteils über den Krieg zu beginnen, ein Urteil, welches tatsächlich und letzten Endes dasjenige der Gesamtheit der zivilisierten Welt ist. Nach der Anschauung der Alliierten und Assoziierten Mächte ist der Krieg, der am 1. August 1914 zum Ausbruch gekommen ist, das größte Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Freiheit der Völker gewesen, welches eine sich für zivilisiert ausgebende Nation jemals mit Bewußtsein begangen hat. " (Ultimatum, a.a.O., S.77) (Der Entwurf des Ultimatums stammte von dem britischen Diplomaten Philipp Kerr. In einer Rede im Jahre 1937 gab Philipp Kerr - er hieß inzwischen Lord Lothian - zu, daß dieses Urteil falsch war. Er sagte: "Der Versailler Vertrag gründete sich auf die Theorie von Deutschlands Alleinschuld am Weltkriege. Ich glaube, niemand, der die Vorgeschichte des Krieges ernsthaft studiert hat, kann diese Ansicht heute aufrechterhalten." Er verwies auf die lange Vorgeschichte des Krieges, auf die Krisen seit der Jahrhundertwende. Auch "hat noch niemals jemand behauptet, daß Deutschland an der Ermordung Franz Ferdinands schuld war". [Der Vertrag von Versailles, a.a.O., S.16] Damit entzog Philipp Kerr dem ganzen Vertrag von Versailles sowie dem Ultimatum jede Grundlage.)

Lange Abschnitte des Ultimatums dienten nun der Begründung dieses Urteils: "Die ganze Geschichte Preußens ist durch den Geist der Beherrschung, des Angriffs und des Krieges charakterisiert. Hypnotisiert durch den Erfolg, mit welchem Bismarck, der Tradition Friedrichs des Großen folgend, die Nachbarn Preußens beraubte und die deutsche Einheit durch Blut und Eisen schmiedete, unterwarf sich das deutsche Volk nach 1871 fast vorbehaltlos dem Einfluß und der Führerschaft seiner preußischen Herrschaft."(Ultimatum, S. 34) Die Unterscheidung zwischen dem deutschen Volk und seiner undemokratischen Führung, die für das Friedensprogramm Wilsons grundlegend gewesen war und bei den Waffenstillstandsverhandlungen eine entscheidende Rolle gespielt hatte, fiel nun völlig weg. Mehrere Sätze beginnen mit "Die Deutschen sind es, welche ... " und dann folgt jeweils die Darstellung schwerster Ver- brechen (S.78). Harte Vorwürfe wurden vorgebracht: "mit brutaler Rohheit", "barbarische Behandlung", "unterste Kulturstufe" (S. 78). (Philipp Kerr-Lothian sagte dazu 1937: "Am Ende des Krieges hatten wir uns eingeredet, daß Deutschland allein an dem Unglück schuld sei. Diese Überzeugung war das Ergebnis von Meinungen, die wir uns auf Grund eines sehr unzureichenden Materials, ergänzt durch die Propaganda der Kriegszeit, gebildet hatten. Das Wesen der Kriegspropaganda aber bestand darin, die Einigkeit und die Moral der eigenen Landsleute aufrechtzuerhalten durch den Nachweis, daß wir völlig recht, der Feind aber völlig unrecht habe. Auf diesem Grundsatz war der Versailler Vertrag aufgebaut.")

Die Entente bestätigte den deutschen Standpunkt, "daß die Grundlage der Verhandlungen über den Friedensvertrag sich in dem Schriftwechsel befindet, welcher der Unterzeichnung des Waffenstillstandes vom 11. November 1918 unmittelbar vorausgegangen ist" (S. 7). Die daraus folgende deutsche Forderung nach Gerechtigkeit beantwortet die Entente jetzt mit einem Zitat Lloyd Georges vom 14. Dezember 1917: "Oftmals in der Weltgeschichte hat es verbrecherische Staaten gegeben. Wir haben es jetzt mit einem von ihnen zu tun. Und es wird stets Verbrecherstaaten geben, bis die Belohnung internationalen Verbrechens zu ungewiß wird, um es nutzbringend zu machen, und bis die Bestrafung internationalen Verbrechens zu gewiß wird, um es noch anziehend zu machen." (S.79) "Gerechtigkeit ist das, was die Deutsche Delegation verlangt, und das, von dem diese Delegation erklärt, man habe es Deutschland versprochen. Gerechtigkeit soll Deutschland werden.[ ...] Die Wiedergutmachung des Unrechts, das man verursacht hat, (ist) das eigentliche Wesen der Gerechtigkeit." (S. 80) Und weiter: "Die Alliierten und Assoziierten Mächte sehen die Bestrafung derjenigen Personen, die für das Elend der menschlichen Rasse verantwortlich sind, als im Interesse der Gerechtigkeit unerläßlich an." (S. 36) "Was die deutscherseits gemachte Behauptung anlangt, daß eine Verfolgung der Angeklagten durch von den Alliierten und Assoziierten Mächten ernannte Gerichte ein einseitiges und unbilliges Verfahren darstelle, betrachten es die Alliierten und Assoziierten Mächte als unmöglich, die Rechtsprechung über solche für die Verbrechen gegen Humanität und internationales Recht unmittelbar Verantwortlichen den an diesen Verbrechen Mitschuldigen anzuvertrauen." (S. 37) Die Entente bestätigte auch, damit völkerrechtliches Neuland zu betreten: "Der gegenwärtige Vertrag soll in markanter Weise mit den Traditionen und der Praxis früherer Abkommen brechen, die selten imstande waren, die Erneuerung des Krieges zu verhüten." (S. 36)

Anders als bei den Waffenstillstandsverhandlungen hieß es nun, die deutsche Revolution biete noch keine Gewähr dafür, daß die durch sie vollzogene Änderung einen dauerhaften Zustand darstelle (S. 85):"Wenn das deutsche Volk durch Handlungen beweist, daß es die Absicht hat, die Friedensbedingungen zu erfüllen, und daß es jene aggressive und trennende Politik, welche den Krieg herbeiführte, aufgegeben hat, und daß es nunmehr ein Volk geworden ist, mit dem man in nachbarlicher Kameradschaft leben kann, dann werden die Erinnerungen an die vergangenen Jahre bald entschwinden, und es wird möglich sein, bald den Völkerbund durch die Aufnahme von Deutschland zu vervollständigen."

Um den Anschein des Rechts zu wahren, griff man zu Behauptungen, die mit den Tatsachen nicht übereinstimmten: "Alle territorialen Bestimmungen des Friedensvertrages sind nach eingehendster und gewissenhaftester Prüfung aller Gesichtspunkte der Rasse, der Religion und der Sprache für jedes Land besonders festgesetzt." (S. 10) "Wenn in gewissen Fällen, nicht in allen, die Entscheidung nicht zugunsten von Deutschland getroffen ist, folgt das keineswegs aus der Absicht, gegen Deutschland ungerecht zu handeln. Es ist vielmehr die unvermeidliche Folge der Tatsache, daß ein beträchtlicher Teil des Deutschen Reiches aus Gegenden bestand, die in der Vergangenheit Preußen oder Deutschland sich zu Unrecht angeeignet hatten." (S.9)

Zur Abtrennung Danzigs von Deutschland schrieb man: "Die für Danzig vorgeschlagene Lösung ist mit genauester Sorgfalt ausgearbeitet worden.[ ...] Die Danziger Bevölkerung ist der großen Mehrzahl nach deutsch und ist dies seit langer Zeit gewesen. Gerade aus diesem Grunde geht der Vorschlag nicht dahin, die Stadt dem polnischen Staate einzuverleiben." (S. 22f.) Die Abtrennung des Memellandes wurde so begründet: " Das fragliche Gebiet ist immer litauisch gewesen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nach Ursprung und Sprache litauisch." (S. 22)

Schon bei den internen Besprechungen hatte Lloyd George gesagt: " Wenn wir den Deutschen Aug´ in Auge gegenüberstehen, können wir uns nicht dem berechtigten Vorwurf aussetzen: Ihr habt euer Wort gebrochen." (Weltkriege und Revolutionen, a.a.O., S. 126) Lloyd George konnte 1919 diese peinliche Situation leicht vermeiden: Die Entente untersagte den Deutschen einfach jede mündliche oder schriftliche Erwiderung. Sein Nachfolger Chamberlain hatte es da später nicht so einfach: Als er im September 1938 während der Sudetenkrise Hitler gegenübersaß, befand er sich genau in dieser Situation, die sein Vorgänger Lloyd George 1919 vorausgesehen hatte.

Sieben Mal wurden die Deutschen in dem Ultimatum belehrt, sie hätten etwas "falsch aufgefaßt" oder "falsch verstanden" (S. 12, 38, 40, 43, 52, 84). Die Deutschen hatten aber sehr gut verstanden. Die Machtlage hatte sich geändert, und die Entente fühlte sich nicht mehr an die Zusagen gebunden, die sie am 5. November 1918 gemacht hatte. Es bedurfte keineswegs der diskreten Belehrung, "daß die Deutsche Delegation die Lage, in der sich Deutschland heute befindet, gänzlich verkennt" (S. 77).

Für die Deutschen stellte sich nun heraus, daß die "Beweise" für die Änderung der deutschen Politik, die bei den Waffenstillstandsverhandlungen von ihnen verlangt und erbracht worden waren, bestenfalls ein Anfang gewesen waren. Jetzt wurden weitere "Beweise" verlangt: Durch ihre Unterschrift sollten sie ihre Schuld bestätigen; sie sollten ihr gesamtes Führungspersonal zur Verurteilung ausliefern; sie sollten ihre Soldaten entehren, die für einen "Verbrecherstaat" gekämpft und ihr Leben gegeben hatten; sie sollten einwilligen, daß ihre "wirtschaftlichen Hilfsmittel unmittelbar in den Dienst der Wiedergutmachungen gestellt werden" (Artikel 236); sie sollten sich während einer "Probezeit" (Ultimatum, S.12) beobachten und kontrollieren lassen. Und die dafür in Aussicht gestellte Aufnahme in den Völkerbund war kaum glaubhaft, nachdem die Entente ihr beim Waffenstillstand gegebenes Wort gebrochen hatte; außerdem war bei der offenen Reparationssumme auf unabsehbare Zeit die Zensur "nicht ausreichend" zu erwarten.

Beim Waffenstillstand hatten die Deutschen mit Recht annehmen können, in den Kreis der "friedlichen Nationen" (S. 35), wie sich ihre Kriegsgegner selbst nannten, aufgenommen zu sein. Wie Lloyd George hatten auch die Deutschen geglaubt, "der Waffenstillstandsvertrag hat die Fundamente des Friedens gelegt, und darin unterscheidet er sich von den herkömmlichen Waffenstillstandsverträgen". Jetzt mußten sie feststellen, daß "die friedlichen Nationen" ihr Vertrauen mißbraucht hatten, ihnen praktisch den Krieg erklärten, dem sie nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Die Deutschen hatten im Kreis der " friedlichen Nationen" mit großen Schwierigkeiten gerechnet, sie waren auch bereit, Benachteiligungen hinzunehmen, aber mit Entehrung, Beleidigungen, Vertrauensbruch und Vergewaltigung hatten sie nicht gerechnet.

 Deutschland nimmt den Vertrag an

 Das Ultimatum wurde auf sieben Tage verlängert und endete am 23. Juni abends um 19 Uhr. In dieser Zeit gab es in Deutschland eine Regierungskrise. Ministerpräsident Scheidemann (SPD) und Außenminister Graf Brockdorff-Rantzau traten zurück. Am 20. Juni bildeten SPD und Zentrum eine neue Regierung. Ministerpräsident wurde Gustav Bauer (SPD). Am 22. Juni ermächtigte die Nationalversammlung mit 237 zu 138 Stimmen die Regierung, dem Frieden unter Vorbehalt zuzustimmen. Man lehnte die "Strafbestimmungen" ab, und man war nicht bereit, Deutschlands Alleinschuld am Krieg anzuerkennen. Eine entsprechende Note der Reichsregierung ging nach Paris ab. Die Antwort kam noch am selben Tage: Der Frieden mußte vollständig angenommen werden. Also mußte die Nationalversammlung am nächsten Tag, dem 23. Juni, erneut tagen. Die Empörung, die die Deutschen ergriffen hatte, wurde deutlich in der Rede, die Gustav Bauer vor der Nationalversammlung hielt. Zum Schluß sagte er: " Unsere Hoffnung, mit dem einzigen Vorbehalt einer Ehrenbewahrung bei unseren Gegnern durchzudringen, war nicht sehr groß. Aber wenn sie auch noch geringer gewesen wäre: Der Versuch mußte gemacht werden. Jetzt, wo er mißlungen, an dem sträflichen Übermut der Entente gescheitert ist, kann und muß die ganze Welt sehen: Hier wird ein besiegtes Volk an Leib und Seele vergewaltigt wie kein Volk je zuvor.[ ...] Keinen Protest heute mehr, keinen Sturm der Empörung! Alles müßte den grauenerregenden Eindruck abschwächen, der sich heute der Welt bietet. Sie starrt teils in verhohlenem, teils auch in unverhohlenem Entsetzen auf diese Folterszene. Unterschreiben wir! Das ist der Vorschlag, den ich Ihnen im Namen des gesamten Kabinetts machen muß. Bedingungslos unterzeichnen! Ich will nichts beschönigen. Die Gründe, die uns zu diesem Vorschlag zwingen, sind dieselben wie gestern. Nur trennt uns jetzt eine Frist von knappen vier Stunden von der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten. Einen neuen Krieg können wir nicht verantworten, selbst wenn wir Waffen hätten. Wir sind wehrlos. Wehrlos, aber nicht ehrlos. Gewiß, die Gegner wollen uns an die Ehre; daran ist kein Zweifel. Aber, daß dieser Versuch der Ehrabschneidung einmal auf die Urheber selbst zurückfallen wird, daß es nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welttragödie zugrunde geht, das ist mein Glaube bis zum letzten Atemzug. Und nun ... darf ich wohl annehmen, daß auch nach diesen Vorgängen die Regierung ermächtigt bleibt, den Friedensvertrag zu unterzeichnen." (Ursachen und Folgen, a.a.O., 3. Band, S. 387)

Die Nationalversammlung stimmte zu, und sogleich danach schickte die Reichsregierung folgende Note an die Siegermächte: " Die Regierung der deutschen Republik hat aus der letzten Mitteilung der Alliierten und Assoziierten Regierungen mit Erschütterung ersehen, daß sie entschlossen sind, von Deutschland auch die Annahme derjenigen Friedensbedingungen mit äußerster Gewalt zu erzwingen, die, ohne eine materielle Bedeutung zu besitzen, den Zweck verfolgen, dem deutschen Volke seine Ehre zu nehmen. Durch einen Gewaltakt wird die Ehre des deutschen Volkes nicht berührt. Sie nach außen hin zu verteidigen, fehlt dem deutschen Volke nach den entsetzlichen Leiden der letzten Jahre jedes Mittel. Der übermächtigen Gewalt weichend, und ohne damit ihre Auffassung über die unerhörte Ungerechtigkeit der Friedensbedingungen aufzugeben, erklärt deshalb die Regierung der Deutschen Republik, daß sie bereit ist, die von den Alliierten und Assoziierten Regierungen auferlegten Friedensbedingungen anzunehmen und zu unterzeichnen." (Ursachen und Folgen, a.a.O., 3. Band, S. 387 f.)

Die Folgen

Die Unterschrift, die die Deutschen am 28. Juni 1919 in Versailles leisteten, war eine Notlüge. Die Deutschen waren jederzeit bereit, bei einer günstigen Gelegenheit diese Unterschrift zu ignorieren. Bei den Siegermächten dominierte das "schlechte Gewissen" (Sebastian Haffner, a.a.O., S. 417), so daß man später, als man von Hitler herausgefordert wurde, nicht auf den ungerechten Bestimmungen bestehen konnte.

 Schon während der Friedenskonferenz hatte Lloyd George gesagt: "Ich glaube nicht an einen Vertrag, dessen Durchführung man hinterher nicht garantieren kann." (Weltkriege und Revolutionen, a.a.O., S.123)

Die "Strafbestimmungen" des Vertrages waren schon im Februar 1920 erledigt. Die Niederlande weigerten sich, den ehemaligen Kaiser auszuliefern, und begründeten dies mit dem Völkerrecht. Als man Deutschland eine Liste mit 900 Namen von Personen überreichte, die zur Verurteilung ausgeliefert werden sollten (darunter Bethmann Hollweg, Hindenburg und Ludendorff), gab es in Deutschland großen Aufruhr, und Deutschland weigerte sich, diese Personen auszuliefern. Ohne die im Vertrag vorgesehenen militärischen Sanktionsmittel einzusetzen, fand sich die Entente mit diesem Vertragsbruch ab. Daß es so kommen würde, war leicht vorhersehbar. Man hätte also die kränkenden "Strafbestimmungen" des Vertrages gleich weglassen können und auch im Ultimatum auf die langen beleidigenden Passagen, mit denen man die "Strafbestimmungen" begründet hatte, verzichten können.

Am 28.Juni 1919 war "ein Punkt erreicht worden, an dem Einstellungen sich änderten" (Gregory Bateson, a.a.O., S. 11). Das Friedensprogramm Wilsons beruhte auf dem Gegensatz von Demokratie, Verständigungspolitik, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit auf der einen Seite, sowie Obrigkeitsstaat, Unrecht und Gewaltpolitik auf der anderen Seite. Dieser Gegensatz wurde ausgerechnet von den klassischen Demokratien dadurch aufgehoben, daß sie durch Gewaltpolitik Ungerechtigkeiten durchsetzten und die deutsche Demokratie zwangen, durch ihre Unterschrift diese Verwirrung zu übernehmen.

Auf dieser Basis entstanden dann die später folgenden Mißverständnisse und Irrtümer. Viele Deutsche wandten sich von der Demokratie ab. Bei der ersten Reichstagswahl im Juni 1920 erlitten die Parteien der Weimarer Koalition eine schwere Niederlage. Sie erhielten zusammen nur noch 47 Prozent der abgegebenen Stimmen und 126 von 259 Mandaten. Sie hatten damit ihre absolute Mehrheit im deutschen Volke verloren. Als Hitler ab 1933 den Versailler Vertrag nach und nach brach, hielten viele Deutsche dies für Wiedergutmachung von Unrecht; sie übersahen dabei den verbrecherischen Charakter des Hitlerregimes. Ähnlich erging es vielen Briten und Franzosen. David Lloyd George, Harold Nicolson und Philipp Kerr schwächten die Widerstandskraft Großbritanniens, indem sie ausgerechnet jetzt das Unrecht von 1919 in aller Öffentlichkeit ausführlich darstellten und damit dem Irrtum Vorschub leisteten, das Problem Hitler sei dadurch zu bewältigen, daß man dem empörten deutschen Rechtsbewußtsein endlich Konzessionen machte. So konnte sich der Gewaltpolitiker lange als Friedenspolitiker tarnen, der scheinbar für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, also Prinzipien der Demokratie, eintrat. So gaben die britischen und französischen Politiker den Vertragsbrüchen Hitlers nach. Doch mit ihrer Bereitschaft, Unrecht zu korrigieren, förderten auch sie, ob sie wollten oder nicht, die Macht des Bösen.


 

(c) Januar 2007

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