Iwienerkongress


Wiener Kongreß (1815)

Die Niederlage Napoleons (1812-1815) hatte niemand voraussehen können, sie war überraschend gekommen. Als Sieger hatte Napoleon rücksichtslos uralte Herrschaften beseitigt (z. B. Republik Venedig und die geistlichen Reichsfürsten im Reich) und neue Herrschaften begründet. Oft hatte er uralte Grenzen beseitigt und völlig neue gezogen. Nach seiner Niederlage mußte Europa neu geordnet werden. Dies fand statt auf dem Wiener Kongreß 1814/1815. Alle europäischen Staaten waren vertreten. Man wollte die Zustimmung aller europ. Staaten, niemand sollte unzufrieden beiseite stehen. Ähnliche gesamteurop. Friedenskongresse: 1648 nach dem 30jährigen Krieg der Frieden von Münster und Osnabrück (Westfälischer Frieden), 1713/14 Friedensschlüsse von Rastatt und Utrecht nach dem Spanischen Erbfolgekrieg, 1919 Friedenskonferenz von Paris ohne die Besiegten mit jämmerlichem Ergebnis.

In Wien dominierten 1815 die 5 Großmächte Großbritannien, Rußland, Österreich (Habsburg),Preußen und Frankreich. Auch die deutschen Staaten waren einzeln vertreten.Gesamtdeutschland war nicht vetreten, niemand wollte es in Wien. Die deutschen Fürstenstaaten blieben wie Napoleon sie 1803-06 geschaffen hatte. Als die dt. Fürsten nach Napoleons Niederlage 1813 bei Leipzig sich aus dem Bündnis mit Napoleon lösten und zu den Napoleon-Gegnern (Rußland, Preußen, Österreich) überliefen, hatte der österr. Staatskanzler Metternich ihnen alles das garantiert, was sie von Nap. erhalten hatten. Einen gesamtdeutschen Nationalstaat wollten damals nur wenige: Studenten, Professoren und Turner. Das Turnen hatte "Turnvater" Friedrich Jahn 1810 in Berlin erfunden mit dem langfristigen Ziel, die deutsche Jugend zu kräftigen, damit sie eines Tages die Vorherrschaft Frankreichs abwerfen könne. Turner waren oft auch Studenten. Viele von ihnen hatten in den Befreiungskriegen (1813-1815) als Freiwillige in den preußischen Freikorps gegen Napoleon gekämpft mit dem Ziel: einiger deutscher Nationalstaat.

Der einflußreichste Diplomat auf dem Wiener Kongreß war Metternich. Er leitete die österr. Politik von 1813 bis zur Revolution 1848 und hatte großen Einfluß auf die europäische Politik. Nach den schweren Kriegen, die man hinter sich hatte, wollte er (und der ganze Kongreß) für die Zukunft Frieden und Stabilität. Die einfache Lehre lautete: Hegemonie (griech.=Vorherrschaft) gefährdet den Frieden. Durch die revolutionären Errungenschafen (Nationalstaat, allgemeine Wehrpflicht) war Frankreich durch seine Siege bis 1797 zur vorherrschenden Macht (Hegemonialmacht) in Europa geworden. Das weckte in Napoleon die begründete Hoffnung, er könne sich ganz Europa auf Dauer unterwerfen. Das mußte bei anderen europ. Mächten (Großbr., Rußland) äußersten Widerstand hervorrufen. Die Folge waren jahrelange schwere Kriege.

Das Gegenteil von Hegemonie ist Gleichgewicht der Mächte. Es sichert den Frieden. Nach diesem Prinzip hat man 1815 Europa neu eingeteilt. Gleichgewichtspolitik bedeutet nicht, daß alle Staaten gleich groß oder gleich stark sind. Gleichgewichtspolitik geht von folgenden Annahmen aus: Jeder Politiker, der für sein Land verantwortlich ist, will die Macht und den Einfluß seines Landes vergrößern und den bestehenden Zustand zu seinem Vorteil verbessern. Kleine Staaten sind dabei als Nachbarn von Großmächten besonders gefährdet. Der gefährdete Kleine wird aber dadurch gerettet, daß die anderen Großen nun zusammenstehen und so ein Gegengewicht gegen den expansionsüchtigen Großen bilden.Durch diesen Zuwachs wäre diese Großmacht zu stark, auf dem Weg zur Hegemonie und somit eine Gefahr für die anderen. Der eroberungssüchtige Politiker einer Großmacht soll also nach langem Überlegen zu dem Ergebnis kommen, daß der Zugriff auf den kleinen schwachen Nachbarn Gegenkräfte auf den Plan ruft, die zu stark sind. Er soll selbst zur Erkenntnis kommen, daß es besser ist, friedlich zu bleiben, nicht weil er den Frieden liebt, sondern weil er weiß, daß seine Eroberungspläne keinen Erfolg haben werden. Befinden sich die europ. Staaten im Gleichgewicht, dann können auch überraschende Ereignisse, mit denen man immer rechnen muß, ohne Krieg überstanden werden (z.B. 1931 die überraschende Gründung des Kleinstaates Belgien). So gilt: Gleichgewicht sichert den Frieden, Hegemonie gefährdet den Frieden. Das haben gescheite Staatsmänner wie Metternich und später Bismarck gewußt. Der US-Präsident Wilson hat 1918 geglaubt, Gleichgewichtspolitik sei ungerecht, und hat ganz andere Friedensgrundsätze verkündet, die 20 Jahre später zum nächsten Krieg geführt haben. Der Gleichgewichts-Frieden von 1815 hat immerhin 100 Jahre lang (bis 1914) eínen Krieg der europ. Mächte gegeneinander verhindert, und das war ein großer Erfolg. Metternich und später Bismarck wußten aber auch, daß ihre Gestaltungsmöglichkeiten begrenzt waren, daß sie nur für die Gegenwart und eine überschaubare Zukunft Politik machen konnten. Sie waren erfüllt von Demut vor der Kraft der Geschichte, die viel stärker war als ihre Konzepte. Sie wußten auch, daß man nicht alles Wünschenswerte erfüllen konnte, daß man Prioritäten setzen mußte, Ungerechtigkeiten hinnehmen mußte. Oft mußte man in Wien wegen des Gleichgewichts große Gebiete gegen den Willen der Bevölkerung bestimmten Monarchen zuordnen. Man konnte eben nicht alles haben. Und Metternich wußte, daß er im Wiener Kongreß Kräfte niederhielt, die in der Franz. Rev. erkennbar geworden waren (z.B. Nationalstaat, Republik, Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung), die langfristig sein Werk zerstören würden.Er wußte, daß geschichtliche Kräfte stärker waren als er. Er hat 1815 den Nationalstaat abgelehnt, weil damit keine Gleichgewichtspolitik möglich war. Ein einiger deutscher Nationalstaat hätte auch bei einer friedlichen deutschen Regierung fast zwangsläufig zu einer Hegemonie geführt. Es kommt eben nicht auf die Friedensbeteuerungen einer hegemonialen Regierung an, vielmehr darf es gar nicht die Möglichkeit einer weiteren Machtausdehnung geben. Man vergleiche Europa mit einem alten Sofa mit weichen Polstern. Wenn nun Deutschland geeint wäre (von Ostpreußen bis zur holländ.-franz. Grenze, von Schleswig bis Südtirol), dann wäre das so, als ob ein Vierzentnermann sich mit breitem Hintern mitten auf dieses weiche Sofa setzte. Das mußte dazu führen, daß die anderen Figuren auf dem Sofa Europa in die Sofakuhle zu dem Dicken hinrutschten und von ihm umarmt wurden. Dazu kam, daß die Deutschen in der Mitte Europas waren (nicht wie Frankreich auf dem Flügel), daß sie relativ die meisten waren und wirtschaftlich sehr tüchtig. Die Gefahr der Hegemonie war Bismarcks Problem nach der Einigung Deutschlands 1871. Er tat alles, um entsprechende Befürchtungen bei den anderen europ. Staaten zu zerstreuen. Doch nach ihm unternahm dieses Reich zwei Mal den Versuch, europ. Hegemonialmacht und damit Weltmacht zu werden. Fast könnte man sagen, daß die Deutschen von der Geschichte dazu berufen waren, als Hegemonialmacht Europa zu einen. (Unter Führung der Nationalsozialisten eine schreckliche Vorstellung.) Und zweimal haben die USA eingegriffen (so Henry Kissinger), um dieses Ziel zu verhindern (weil sie selbst Weltmacht werden wollten und die Konkurrenz witterten?).

Man kann Gleichgewichtspolitik auch mit einem Spielzeug vergleichen. Man hängt über das Bett eines Babys ein "Perpetuum mobile". Ein dünner Faden wird an einem zentrale Punkt an der Decke befestigt, an diesem Faden sind an Querbügeln weitere verschieden lange Fäden befestigt und an den Enden dieser Fäden hängen verschieden schwere Figuren aus Papier. Diese Figuren pendeln sich nun ein gemäß ihrem Gewicht, und weil immer ein geringer Luftzug ist, bewegen sie sich immer ein bißchen ("Perpetuum mobile") und erregen so die Aufmerksamkeit des Babys. Wird ein Fenster oder die Türe geöffnet, gibt es einen heftigen Luftzug (im Vergleich mit der Geschichte wäre das ein unerwartetes schwerwiegendes politisches Ereignis), das Perpetuum mobile wirbelt durcheinander, kehrt jedoch anschließend wieder in den alten Zustand zurück.

Schon im Frieden von 1714 hat vor allem Großbritannien Gleichgewichtspolitik (balance of powers) durchgesetzt. Auch 1815 war es sehr daran interessiert. Grund: Als Insel brauchte Großbr. keine Landtruppen zu rüsten, es konnte seine ganze Kraft auf die Flotte legen. An Bevölkerungszahl war Großbr. Frankreich, Deutschland und Rußland unterlegen. Falls eine dieser europ. Mächte zur See in Konkurrenz zu Großbr. auftrat, mußte immer dafür gesorgt sein, daß diese Seekonkurrenzmacht auch noch Landrüstung brauchte gegen Gegner in Europa. Sonst war dieser Gegner für Großbr. zu gefährlich. So hat Großbritannien es vermieden, in Friedenszeiten sich mit einer europäischen Macht (gegen eine andere) zu verbünden ("splendid isolation"), es hat sich also nie festgelegt und die Option immer offengehalten, um sich dann in Krisen oder Kriegen immer mit dem Schwächeren gegen den Stärkeren zu verbünden. Erst um 1900 mußte Großbr. diese splendid isolation aufgeben, weil Deutschland mehr Macht wollte. So kam es zur Entente cordiale 1904 mit Frankreich. Näheres dazu in dem schönen Buch "Die Schalen des Zorns" von Robert Massie.

Zurück zum Wiener Kongreß: Weitere Grundsätze der Neuordnung Europas waren Restauration und Legitimtät. Man wollte das durch die Revolution und Napoleon schwer beschädigte Haus Europa restaurieren, d,h, in den alten Zustand versetzen. (Das gelang nur mangelhaft.) Die Monarchen sollten wieder Quelle der Staatsgewalt sein (gegen Volkssouveränität), die Völker sollten wieder den Monarchen gehorsam sein. Man hielt am Gottesgnadentum der Monarchen fest. Nach den Verwirrungen der Revolution sollten die Völker wieder unter ihre alten, angestammten, vorrevolutionären "legitimen" Monarchen kommen. Das geschah aber eigentlich nur im Falle Frankreich, das nach Napoleon wieder von einem Bourbonen (Ludwig XVIII.) regiert wurde. Im Falle der von Napoleon 1803-1806 abgesetzten deutschen Reichsfürsten verzichtete man auf die Restauration legitimer Monarchen. Das war im Sinne derjenigen deutschen Monarchen, die von diesen Absetzungen profitiert hatten. Die Revolution und Napoleon hatten zu viele Spuren hinterlassen, die man nicht mehr beseitigen konnte.

Es gab 1815 zwei Hauptsieger: Großbr. und das Zarenreich.Großbr. hatte 1805 in der Seeschlacht bei Kap Trafalgar gegen die span.-franz. Flotte gesiegt und sich so seine Seeherschaft für das 19. Jahrhundert gesichert. Nachdem Napoleon Malta dem Johanniterorden abgenommen hatte, nahm Großbr. Malta den Franzosen weg und behielt es als wichtigen Stützpunkt im Mittelmeer. Nachdem die Franzosen die Niederlande erobert hatten, waren die niederländ. Kolonien gewissermaßen ohne Mutterland. (Oder war das verfeindete Frankreich die neue Mutter?) Jedenfalls eroberte Großbr. ehemalige niederländ. Kolonien und gab sie später nicht mehr zurück: Ceylon, Kapland (Südafrika, hier gab es später lange Kämpfe gegen die Buren, holländ. Siedler), Malakka. So festigte Großbr. seine Seeherrschaft durch neue Stützpunkte. Gleichzeitig machte das Gleichgewicht auf dem Kontinent es jedem Konkurrenten der brit. Seeherrschaft sehr schwer. Außerdem: Nach Beseitigung der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre (keine brit. Waren auf dem Kontinent) stand der Kontinent für das erste Industrieland Großbr. zum Export offen.

Rußland war nach dem Sieg über Napoleon stärker als je zuvor. Im Kampf gegen Napoleon waren russ.Truppen bis nach Frankreich vorgedrungen, und man war froh, als sie sich wieder zurückzogen.Seit 1809 war Finnland Teil des Zarenreiches, im Südosten kam Bessarabien dazu. Der größte Teil Polens, das weiterhin aufgeteilt blieb, kam an den Zaren. Formal wurde ein Königreich Polen gegründet ("Kongreßpolen"), aber König von Polen wurde in Personalunion der Kaiser (Zar) von Rußland. (Als die Polen sich 1830 gegen Rußland erhoben, wurden sie besiegt. Der Zar beseitigte das Königreich Polen und verzichtete auf den Titel König von Polen. Polen war ab jetzt Provinz des russ. Reiches.) Mit diesen Gebietsgewinnen war das Zarenreich im Nordosten, in der Mitte und im Südosten Europas weit nach Europa vorangekommen, es reichte bis nach Wladiwostok am Pazifik und war Anwärter auf die Hegemonie in Europa. Dem Druck Rußlands auf Europa begegnete man dadurch, daß man Preußen und Österreich gemeinsam in Ostmitteleuropa gegen Rußland positionierte. Die Völker Ostmitteleuropas blieben so bis 1914 unter der Herrschaft des Zaren, des Kaisers von Österreich und des Königs von Preußen (später Deutscher Kaiser). Der Zar war strikt gegen jeden Nationalstaat, weil er seinen Vielvölkerstaat und vor allem seine Herrschaft über die häufig unruhigen Polen gefährten mußte. Um eine Flotte auf den Weltmeeren fahren zu lassen und als Konkurrent Großbritanniens zur See auftreten zu können, brauchte Rußland Zugang zu den Weltmeeren. Damit sah es aber schlecht aus. Sankt Petersburg im Westen fror im Winter zu, ebenso Wladiwostok im Osten. Eine Zugangsmöglichkeit gab es durch die beiden Meerengen Bosporus und Dardanellen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer. Diese waren jedoch im Besitz der (schwachen) Türkei. Im ganzen 19. Jh. versuchte Rußland, diese Merrengen zu gewinnen, aber immer stellte sich Großbr. und später auch Österreich dagegen. Für Großbr. waren diese Meerengen auch sehr wichtig. Sie boten die einzige Möglichkeit mit der brit. Flotte gegen das Zarenreich Krieg zu führen, indem die brit. Flotte durch diese Meerengen ins Schwarze Meer einfuhr und Truppen in Südrußland landete. (So geschah es 1855 im Krimkrieg.) Ene weitere Zugangsmöglichkeiten für Rußland zu "warmem Wasser" war der Indische Ozean. Im ganzen 19. Jh. rückten Truppen des Zaren im Mittleren Osten gegen Süden vor und unterwarfen dabei viele muslimische Völker. Großbr. sah dadurch seine Seeherrschaft und seine wichtigste Kolonie Indien gefährdet. Es ging um den Einfluß auf Persien und Afghanistan. 1907 einigten sich Großbr. und Rußl. in einem Vertrag: Afghanistan blieb unabhängig, Persien wurde in einen nördlichen russischen, einen südlichen britischen Einflußbereich und eine dazwischen liegende neutrale Zone geteilt. Dieser brit.-russ. Ausgleich war die Vorstufe zum Kriegsbündnis 1914. Um Deutschland als Weltmachtskandidaten niederzuhalten, mußte sich Großbr. mit dem anderen Weltmachtskandidaten Rußl. arrangieren und Rußland gewissermaßen als Partner in Sachen Weltmacht akzeptieren. Hier erkennt man die beginnende Schwäche der brit. Weltmacht. Sie verstärkte sich dadurch, daß Großbr. nicht einmal im Bündnis mit Frankr. und Rußl. Deutschland besiegen konnte; man brauchte auch noch die USA dazu.

Zurück zum Wiener Kongreß: Frankreich erhielt seine Grenzen wieder, die es beim Kriegsausbruch 1792 gehabt hatte. Der Gedanke, Frankr. für seine Aggressionen und Eroberungen zu bestrafen, lag den Staatsmännern in Wien fern. Das hätte bei den Franzosen große Unzufriedenheit hervorgerufen und die Herrschaft des neuen bourbonischen Königs geschwächt. (Nach dem Ersten Weltkrieg ist man mit Deutschland törichterweise ganz anders verfahren, hat große Fehler gemacht mit den bekannten Folgen.) Um nun künftigem Expansionsdrang Frankreichs nach Osten Richtung Rhein ein Gegengewicht entgegenzusetzen, schuf man das Königreich der Vereinigten Niederlande (das heutige Holland, Belgien, Luxemburg), ein Kunstgebilde, das nicht lange hielt. (1831 entstand das unabhängige Königreich Belgien,das nun exterritorial liegende Luxemburg blieb weiterhin bei den Niederlanden.) Als weiteres Bollwerk gegen Frankreich machte man Preußen stark an der französischen Ostgrenze. Pr. erhielt die Provinz Westfalen (mit dem industriell bald sehr wichtigen Ruhrgebiet) und die Rheinprovinz (u.a. das ganze Moselgebiet und das Saargebiet). In einem berühmten Lied von 1840 nannte man Pr. "die Wacht am Rhein". (Das Lied beginnt mit "Es braust ein Ruf wie Donnerhall....") Die im Rhein- und Moselgebiet lebende katholische Bevölkerung wollte aber nicht unter die Herrschaft des protestantischen preußischen Königs. Die Leute nannten sich "Muß-Preußen", weil sie preußisch werden "mußten", im alten Reich hatten sie unter der Herrschaft von kathol. Bischöfen gelebt, und eine solche Herrschaft wünschte man sich wieder, aber in Wien war man ganz auf Gleichgewichtspolitik fixiert und nahm auf Wünsche der Bevölkerung keine Rücksicht.

Italien hatte Napoleon völlig umgekrempelt. Und jetzt wurde es wieder umgekrempelt. Es durfte kein Nationalstaat werden, wie einige Italiener wollte. Südlich des vom Papst regierten Kirchenstaates gab es das Königreich Sizilien (mit Süditalien). Nördlich des Kirchenstaates wurden wie vor der Revolution wieder mittelgroße selbständige Staaten errichtet, z.B. das Großherzogtum Toskana und das Königreich Piemont, zu dem auch die Insel Sardinien gehörte. Neu war: Österreich bekam das ganze Gebiet der östlichen Po-Ebene von Mailand bis nach Venedig. Die Großmacht Österreich wurde also hier eingesetzt, um die bestehende Lage zu erhalten und revolutionäre Veränderungen zu verhindern.

Was wurde aus Deutschland? Die 35 deutschen Fürstenstaaten und 4 Stadtrepubliken (Lübeck, Hamburg, Bremen, Frankfurt) blieben selbständig, wurden aber in einem Staatenbund zusammen gefaßt. Er hieß "Der Deutsche Bund". Die wichtigsten Mitglieder waren die beiden deutschen Großmächte Preußen und Österreich. Beide hatten auch Gebiete außerhalb des Deutschen Bundes: Pr. die polnisch besiedelte Provinz Posen, Westpreußen mit Danzig sowie Ostpreußen. Zu Österreich gehörten außerhalb des Deutschen Bundes die Gebiete in Oberitalien, das Königreich Ungarn sowie Galizien. Durch den Gebietszuwachs in Oberitalien war Öst. gewissermaßen "aus Deutschland herausgewachsen". Pr. dagegen war durch den Gebietszuwachs an Rhein und Mosel gewissermaßen "nach Deutschland hineingewachsen". Die preuß. Gebiete imWesten Deutschlands waren ohne Landverbindung mit den preuß. Gebieten von Elbe bis Ostpreußen. Zwischen den pr. Teilen lag in Norddeutschland das große Königreich Hannover.

Drei ausländ. Monarchen waren durch Personalunion Mitglieder im Deutschen Bund: Der englische König war gleichzeitig König von Hannover. (Diese Personalunion endete 1837, als in England die Königin Viktoria auf den Thron kam. In Hannover galt nur männliche Erbfolge, also wurde ihr nächster engl. Verwandter König von Hannover.) Der König der Vereinigten Niederlande war in Personalunion auch Großherzog von Luxemburg und in dieser Eigenschaft Mitglied des Deutschen Bundes, weil Lux. zum Deutschen Bund gehörte. Zum Deutschen Bund gehörte auch das Herzogtum Holstein. Der Herzog von Holstein mußte in Personalunion auch Herzog von Schleswig sein. Das war seit dem 15. Jh. Rechtsgrundsatz. Die beiden Herzogtümer waren "up ewig ungedeelt". Das Herzogtum Schleswig lag nördlich von Holstein, es war ein europäisches Herzogtum, es hatte nie zum alten Deutschen Reich gehört. Im Norden Schleswigs sprach die Bevölkerung dänisch. Seit dem 15. Jh. war es nun so, daß der König von Dänemark in Personalunion gleichzeitig Herzog von Schleswig und Herzog von Holstein war. In Dänemark galt auch weibliche Erbfolge, in Schleswig und in Holstein nicht. Das brachte 1848 Probleme, weil der König von Dänemark nur eine Tochter hatte, die zwar Königin von Dän. werden konnte, nicht aber die beiden Herzogtümer bekommen konnte. Da hoffte nun ein deutscher Verwandter, die beiden Herzogtümer zu bekommen. Der amtierende dän. König wollte seiner Tochter wenigstens Schleswig retten; er beseitigte durch einen Staatsstreich das Herzogtum Schleswig und machte Schleswig zu einer Provinz des Königreichs Dänemark. Dieser Rechtsbruch erregte großes Aufsehen und führte 1848 zu einem ersten Krieg, 1964 zu einem zweiten. Im Ergebnis verlor Dänemark die beiden Herzogtümer, sie wurden 1866 preußische Provinzen.

Die Organisation des Deutschen Bundes war festgelegt in einem Text, der "Die Deutsche Bundesakte" hieß. Es gab keine zentrale Exekutive, keine gemeinsame Justiz. Es galt die Souveränität der Fürsten und die Gleichberechtigung der Einzelstaaten. Als gemeinsame Institution gab es nur den Bundestag (auch Bundesversammlung genannt), der in Frankfurt tagte, manchmal auch in anderen Städten. Hier trafen sich die Abgesandten der Regierungen der deutschen Staaten. Da die Fürsten diese Regierungen einsetzten, war es praktisch ein Kongreß der Abgesandten der deutschen Fürsten. Das Präsidium des Bundestages hatte Österreich inne, es war ein reiner Ehrentitel. Beim Bundestag galt Einstimmigkeit bei der Schaffung von neuen Bundeseinrichtungen und bei Beschlüssen in Religionsangelegenheiten (also hatte hier jeder Staat ein Veto-Recht.) Sonst galt Zweidrittelmehrheit. Die einzelnen Staaten hatten je nach Größe unterschiedliche Stimmenzahl. Die Mitgliedsstaaten verpflichteten sich, nicht aus dem Bund auszutreten, sich bei Angriffen gegenseitig zu schützen, keine Kriege gegeneinander zu führen, Streitigkeiten friedlich vor dem Bundestag zu schlichten, im Falle eines Krieges keine Sonderverhandlungen mit dem Feind zu führen. Sie hatten das Recht auf Einzelbündnisse mit anderen Staaten, aber nicht gegen den Bund oder einen anderen Bundesstaat. (Man kann also sagen: Der Bund war stark genug zur Verteidigung, aber zu schwach zum Angreifen. Der Bund war also ein Instrument der europäischen Friedensordnung.) (Genaueres zur Bundesakte steht in dem Buch von Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte.)

Innerhalb des Deutschen Bundes gab es auch ein Gleichgewicht zwischen den stärksten Mitgliedsstaaten Preußen und Österreich. Man nannte das den deutschen Dualismus. Jeder hinderte den anderen daran, in Deutschland sich als Hegemonialmacht durchzusetzen.

In der Bundesakte stand auch der Satz: "In allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfassung stattfinden." Das war ein Zugeständnis an die Revolution, die die Idee eines Verfassungsstaates gebracht hatte, in der die Rechte des Monarchen festgeschrieben waren und in irgendeiner Form auch ein Parlament mit bestimmten Rechten vorgesehen sein mußte. Diese Verfassung, so die Bundesakte, mußte aber vom Monarchen erlassen werden und durfte die Souveränität des Monarchen nicht beseitigen.

Diese deutsche Bundesakte war nun Teil der Wiener Kongreßschlußakte. So hieß der internationale Vertrag, der als Ergebnis des Wiener Kongresses von allen europäischen Staaten unterschrieben war. Damit war auch die deutsche Verfassung von allen europäischen Staaten garantiert. Wer einen solchen Vertrag unterschrieben hat, muß gefragt werden, ob er mit einer Änderung einverstanden ist. Damit stand Deutschland gewissermaßen unter der Aufsicht ganz Europas. Eine Veränderung der deutschen Bundesakte in Richtung deutscher Nationalstaat bedurfte also der Zustimmung der europäischen Staaten, mindestens der europ. Großmächte. Daran scheiterte u.a. die Revolution in Deutschland im Jahre 1848/49.

Für die innere Lage in den deutschen Staaten bedeutete der Wiener Kongreß praktisch nichts. Eine gemeinsame Verfassung für das neue Großherzogtum Baden plante der Großherzog schon seit 1811. Über die Hälfte der Bevölkerung war neu in Baden, sie sollten durch die Verfassung für den Staat gewonnen werden. 1823 wurde die badische Verfassung vom Großherzog erlassen (vergleiche die Verfassungssäule in Karlsruhe auf dem Rondellplatz.) Sie wurde sehr berühmt. Die "Zweite Kammer" bestand aus regelmäßig gewählten Abgeordneten (großzügiges Zensuswahlrecht), und die Abgeordneten konnten hier der Regierung des Großherzogs gründlich die Meinung sagen. In allen deutschen Staaten gab es nach 1815 Verfassungen, nur nicht in Preußen und nicht in Österreich.

Beim Wiener Kongreß vereinbarten die Großmächte, auch kommende Probleme auf Nachfolgetreffen in Eintracht (im "Konzert") ohne Krieg beizulegen. Solche Treffen fanden statt, als z. B. Belgien sich von den Niederlanden löste und als Griechenland seine Unabhängigkeit von der Türkei erkämpfte. Die Kongreßmächte wandten sich aber überall gegen revolutionäre Bestrebungen, gegen Nationalstaaten, gegen liberale Vorstellungen von natürlichen Grundrechten, Volkssouveränität, Gewaltenteilung. In den deutschen Staaten wandten sich die Fürsten gegen diese Dinge. Es gab Pressezensur. In den Karlsbader Beschlüssen der deutschen Staaten wurde die Deutsche Burschenschaft verboten. Diese war 1815 gegründet worden und bestand aus Studenten und Professoren (keine Massenbewegung), die mit den Farben schwarz-rot-gold für den deutschen Nationalstaat eintraten. Trotz des Verbotes bestand die Burschenschaft heimlich fort. Auch die Pressezensur konnte nicht vollständig durchgesetzt werden.

(c) Dezember 2006
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